378
Drittes Buch. Der Liberalismus.
Was den Freihandel anbelangt, so bringt er einige neue Argumente,
unter anderen besonders folgendes: wenn in dem freien Handelsverkehr
mit arbeitsamen und reichen Ländern eine Gefahr läge, so würden die
armen Provinzen eines Reiches ebenfalls der gleichen Gefahr ausgesetzt
sein, wenn andere Provinzen sich schnell zu einer hohen Stufe von Reg
samkeit und Wohlstände aufschwingen — wie gleicher Weise Provinzen,
die durch einen Krieg annektiert werden. „Und doch“, fügt er hinzu,
„werden diese Vereinigungen sofort gefahrlos, wenn sie sich durch Er
oberung vollziehen!“ Das Argument ist aber mehr geistreich als beweis
kräftig, denn es ist durchaus nicht unmöglich, daß die Handelsfreiheit
innerhalb eines Landes den Erfolg hat, die Bevölkerung, die Arbeit und
das Kapital aus den armen Gegenden nach den reichen zu ziehen, z. B. aus
der Creuse oder aus Korsika nach Paris. Gerade das aber tritt ein. Freilich
liegt hierin nur ein halbes Übel, denn Frankreich gewinnt auf der einen
Seite das, was es auf der anderen verliert; wenn aber die Creuse oder
Korsika unabhängige Länder wären und ihre Unabhängigkeit bewahren
wollten, so würde man sehr wohl verstehen, daß sie Maßnahmen ergriffen,
um diesen Abfluß zu verhindern. Nun ist allerdings nicht recht ersichtlich,
wie Schutzzölle ihnen hierin helfen könnten; wenn Dunoyer gerade hier
auf hingewiesen hätte, hätte er seiner These besser gedient.
Man kann nicht von Dunoyer sprechen, ohne ein Wort über seine
Produktionstheorie zu sagen. Für ihn ist die Arbeit Alles, die Natur, die
Materie Nichts: er gesellt sich daher von Anfang an zu den Antipoden
der Physiokraten * 1 ). Und es scheint, daß er den Sozialisten die Hand reicht,
die schon vor Marx lehrten, daß die Arbeit die einzige Quelle alles Reich
tums sei, und daß infolgedessen aller Reichtum den Arbeitern gehören
müsse; aber diese Idee kommt ihm nicht. Er beschäftigt sich nur mit der
Produktion und gar nicht mit der Verteilung.
Was aber die Produktion anlangt, so zieht er aus seinem Prinzip
interessante Schlußfolgerungen.
Zunächst ist es ihm gleichgültig, ob die Arbeit sich mit materiellen
Gegenständen beschäftigt oder nicht; das ändert weder ihren Charakter,
noch ihre Produktivität, denn in dem einen wie im anderen Falle pro
die er geltend macht, sind interessant — besonders seine Erwiderung auf das Argument
der Anhänger des Rechts der Ältesten, die behaupten, daß die enterbten jüngeren Kinder
dadurch fleißiger werden, und man nur einen Dummkopf für jede Familie schaffe-
Nach dieser Rechnung, antwortet er, würde es besser sein, auch dem Ältesten jedes
Erbfolgerecht zu verweigern, „denn es erscheint nicht gerecht, ihn einer Ermutigung
zu berauben, die man bei seinen jüngeren Brüdern für so vorteilhaft hältl“
Nur dachte Dunoyer nicht daran, als er diese ironische Antwort gab, daß >nn
die Sozialisten einmal beim Wort nehmen könnten 1
l ) „Die Arbeit ist die einzige Quelle der produktiven Macht.. . Kapitalien
sind vom Menschen geschaffen: die Erde ihrerseits ist auch weiter nichts als ei
Kapital“ (B. VI).