2307
die Volksvermehrung, z. B. durch Einrichtung großer Kinderhäuser,
eine hervorragende Rolle; eine Auffassung, die nach der Entvölkerung
des Landes durch den 30 jährigen Krieg verständlich ist. Sehr um-{assend.
sind seine Erörterungen über das angemessenste Steuersystem,
wobei er energisch für Konsumtionssteuern und eine Vermögenssteuer
eintritt; er befürwortet schon die Freilassung des Existenzminimums
und ist deshalb gegen die Kopfsteuer.
Johann Joachim Becher, Politischer Diskurs von den eigentlichen
Ursachen des Aufblühens und Abnehmens der Städte, Länder etc.,
1668. Er war ein Deutscher, der aber früh nach Oesterreich verpflanzt
wurde und dort eine umfassende praktische, wie schriftstellerische
Thätigkeit entwickelte. Auch er hält vor allem die Volksvermehrung
für das dringendste Bedürfnis seiner Zeit; selbst die
Heranziehung von Negersklaven ist ihm recht. „In einer populosen
Stadt ist es leichter als in einem deserten Ort sich zu ernähren, inlem
ein Mensch von dem anderen lebt, einer dem anderen durch
gemeinsamen Handel und Wandel zu seinem Stück Brot verhelfen.“
Er erkennt aber die Notwendigkeit aller drei Gewerbsarten, des
Bauern, Industriellen und der Kaufleute ‚ an, wenn es auch der
ersteren mehr geben müsse als der letzteren. Die Konsumtion ist nach
ihm „die Seele der drei Stände, der einzige Bindeschlüssel, welcher
sie aneinander heftet, auch voneinander leben macht“. Trotzdem er
den wahren Charakter des Geldes nicht völlig verkennt, äußert er
sich: „Man solle alle Zeit sehen, daß man das Geld im Lande behalte
und von fremden Orten noch mehreres dazu bringe, dieweil das
Geld gleichsam der Nerv und die Seele eines Landes ist“,
Wilhelm, Freiherr von Schröder (Fürstliche Schatz- und Rentkammer,
1686, 8. Auflage) erweist sich als der extremste Vertreter des
Merkantilismus, wie die folgenden Sätze ergeben: „Das Volk wird so
viel reicher, als entweder aus der Erde oder anders woher Geld oder
Gold ins Land gebracht wird, und so viel ärmer, als Geld hinausläuft,“
Es wäre aber falsch, ihn deshalb des Midasglaubens zu beschuldigen,
vielmehr geht aus seinen ganzen Ausführungen hervor, daß er die Befruchtung
des Landes durch Geld allein von dem Umlauf und damit
ler Erleichterung des Umsatzes erwartet. Die größte Geringschätzung
iußert er über den Binnenhandel, um den auswärtigen umsomehr zu
preisen. „Das fruchtbarste Land ohne Kommerzien ist nicht im geringsten
zu estimieren, höchstens insofern, als es zum Handel überzehend
vor minder fruchtbaren einen Vorsprung gewinnen kann.“
$ 90.
Die merkantilistische Praxis.
Biedermann, Deutschlands Zustände im 18. Jahrhundert. Leipzig 1854,
Stadelmann, Friedrich der Große in seiner Thätigkeit für den Landbau
Preußens. Berlin 1876,
Schmoller, Umrisse und Untersuchungen zur Verfassungs-, Verwaltungs- und
Wirtschaftsgeschichte bes. des preußischen Staates im 17. und 18. Jahrhundert.
LeIDZIE 1898.
Wesentlich schärfer noch als in der Litteratur treten die merkan- Persönliche
tilistischen Anschauungen in der Staatspraxis jener Zeit zu Tage. Das Willkür des
despotische Regiment, welches sich allgemein ausgebildet hatte, wurde Herrschers,
auch auf wirtschaftlichem Gebiete in der rücksichtslosesten Weise zur
9()*