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der Zusammenhang des Lokalbedarfs und der lokalen Production auch
bei: dem Handwerk vollständig aufgehört. Wir haben für Halle durch
zenauere Untersuchungen, unter Zustimmung beteiligter Bäcker und
Müller festgestellt, dass fast die Hälfte.des in Halle verzehrten Roggen-
brotes nicht am Ort gebacken, sondern von auswärts, nicht nur aus
den Vororten, sondern auch aus Merseburg, Leipzig, Wurzen und
anderen Orten bezogen wird, während von Halle wiederum eine Menge
feiner Backwaaren, wie Kuchen, Zwieback, aber auch gewöhnliche
Semmel ausgeführt werden. Noch schlimmer steht es mit den Fleisch-
waren. Nicht nur Wurst, Schinken, ete. sondern auch frisches Fleisch
wird für den täglichen Konsum aus der weiteren Umgegend, aber auch
aus Hannover, Emden, ja sogar aus Ostpreussen regelmässig bezogen,
während wiederum feinere ausgeschlachtete Stücke vom Halleschen
Schlachthofe an die verschiedensten Orte versendet werden. Der
Berliner Schlachthof versorgte eine lange Zeit Paris mit grossen Quanti-
täten frischen Fleisches, bis eine Zollerhöhung dem Abbruch that,
30 ist schon bei diesen Gewerben die Beschäftigung der an dem Orte
wohnenden Handwerker von der Zahl der Einwohner völlig unabhängig ;
and auch bei erheblicher Verringerung ihrer Zahl ist ihnen Beschäftigung
and Verdienst nicht zu garantieren. Dass bei den anderen Handwerkern,
z. B. Schuhmachern, Schneidern die Sache noch viel schlimmer liegt,
ist allgemein bekannt. In Kalau soll jeder 15., in Pirmasens jeder 30.
Einwohner von. dem Schuhmachergewerbe leben und sich gut dabei
stehen. Achnlich ist es in Weissenfels, Erfurt und einer Anzahl
sächsicher Städte der Fall, von wo die entlegensten Gegenden mit
Schuhwaren versorgt werden. Eine Beschränkung der Zahl der Hand-
werker wäre dort offenbar sinnlos, Selbst die Dienstgewerbe wie
Barbiere und Frieseure sind von diesem Einfluss nicht verschont, weil
dei den vielen Reisen, die heutigen Tages unternommen werden, man
sich oft genug an anderen Orten die Haare schneiden und barbieren
lässt. Und die Mode des Vollbarts hat hier sicher dem Gewerbe
grössere Nachtheile gebracht, als die Beseitigung der Bannrechte, In
ähnlicher Weise ist die bisherige Zahl der Böttcher heutigen Tages zu
yross, weil das frühere hölzerne Hausgerät, Wannen, Eimer, sonstige
Spülgefässe jetzt durch Metallgeräte von Zink, Eisen etc, ersetzt sind,
wodurch eine grössere Zahl von Menschen in anderen Gewerben be-
schäftigt werden. Die emaillierten Eisenwaaren haben der Töpferei
zrossen Abbruch gethan; die alte Bürstenfabrikation hat durch die
Drahtbürsten gelitten u. s. w. Ueberall treten auf solche Weise Ver-
schiebungen in den Beschäftigungskreisen ein, wodurch die Zahl der
gebrauchten Handwerker modifiziert wird; und da auch das Handwerk
in grosser Ausdehnung für das Ausland arbeitet und ausländische
Waaren dem heimischen Handwerk Konkurrenz machen, so hat jeder
Handelsvertrag, jede Zollveränderung den grössten Kinfluss auf Arbeits-
gelegenheit und Arbeitslosigkeit. Der biedere deutsche Handwerker
und leider auch ein Teil seiner Gönner lebt mit seiner Phantasie noch
zu sehr im Mittelalter und hat die wirtschaftliche Revolution noch
nicht begriffen, welche im letzten halben Jahrhundert auch in Deutsch-
‚and eingetreten ist und hier, wie wir sahen, schneller und tiefgreifen-
Jer als in irgend einem anderen Lande vor sich ging.