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nach den fortwährenden schweren Schlägen mehr und mehr auch wirt
schaftlich solidarisch gegen den Islam zu fühlen begann und ihre Ab
hängigkeit von demselben in so wertvollen und noch dazu unentbehrlich
gewordenen Produkten, wie es der Alaun gewesen war, drückend empfand.
Vielleicht auch hatte schon seit längerer Zeit die im Laufe der Welt
geschichte bis in unsere Tage in fast unendlichen Modifikationen so oft
zu beobachtende Wirtschaftspolitik eingesetzt, daß nämlich der im offenen
Kampfe unterlegene oder für weitere offene Waffengänge zu schwache
Gegner sich auf einen stillen wirtschaftlichen Antipathiekampf verlegt.
Die Alaunsiedereien waren in Kleinasien groß geworden, weil dort
die Stätten ihres Hauptverbrauches gelegen hatten, aber mit dem
Wandern der Araber nach Westen und mit dem Eindringen orien
talischer Kunstfertigkeit im Abendlande war auch dort große Nachfrage
nach Alaun entstanden, welche freilich zunächst fast nur aus der Levante
befriedigt worden war; die handeltreibenden Republiken Italiens hatten
natürlich zunächst wenig Interesse an der Verpflanzung der Alaun
fabrikation nach dem Abendlande gehabt, da dies für sie eine ganz
bedeutende Einbuße in ihren Einnahmen bedeutet hätte. Alaun erscheint
immer als einer der vorzüglichsten Handelsartikel, welcher über die
italienischen Handelsrepubliken bezogen wird, so auch, um nur ein Bei
spiel anzuführen, in einem Friesacher Mauthtarif vom Jahre 1425 Z.
Diese Verhältnisse gestalteten sich nunmehr, da die Türken Herr der
Alaungruben geworden waren, da die italienischen Alaunpächter in
Kleinasien in steter Unsicherheit lebten, da stets große Geldsummen in
islamitische Hände aus Alaunlieferungen flössen, da die Sultane aus
angeblichen oder wirklichen Alaunlieferungen ungeheure Geldforderungen
an die italienischen Handelsrepubliken für sich herleiteten, da durch die
hohen Tribute an die Türken die Alaunpreise noch gestiegen waren, da
selbst die griechischen und italienischen Arbeiter in den Alaunwerken in
steter Lebensgefahr schwebten, mit einem Schlage anders. Es mußten
nunmehr alle Versuche gemacht werden, die neue Alaunprovenienz für
das Abendland in Italien zu etablieren. Wir haben ja gesehen, daß
die kleinasiatischen Alaunprovenienzen schon im 13. und 14. Jahrhundert
keineswegs die einzigen gewesen waren, wenn sie auch nach der Menge
ihrer Produktion alle anderen ungeheuer überwogen. In Neuphocäa
hatten schon 1307 über 3000 Griechen sich mit der Alaunbereitung
beschäftigt^), ihre Zahl war in der Folge eher noch gestiegen, und als
nun nach dem Blutbad von Konstantinopel 1453 die dort ansässigen
italienischen Kaufleute nach der Heimat ftüchteten, als nach dem Über
fall von Neuphocäa die Alaunarbeiter ebenfalls fliehen mußten, können
-) Simonsfeld 1887, Bd. II, S. 104, 198.
>) Heyd 1879, Bd. I, S. 508.