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deut/de Dorf in Kongrek-Polen löfte id damals auf, und feine Ein-
wohner wanderten füdojtwärts in die Ukraine, in das angrenzende
MWolynien; der Bevölferungsüberfluß anderer Bauerndörfer folgte
im Lauf jpäterer Jahre, und [jo entjtanden die meilten deut[hHen
Bauernkolonien in Wolynien, die jidH bald bis in das Gou-
vernement Kiew hinein vorjdhoben.
Schon von früherer Zeit beftanden in Wolhynien ein paar deutfche
Niederlajjungen, die von Mennoniten aus Wejtpreuken gegründet waren.
Un der Strake von Rowno nad) Nowogradb-—Wolynjk liegen die bei:
den ältejften Kolonien Wolhyniens: Annette und Yojephine. Die groke
Einwanderung nad) Wolynien gejhah aber erjt in den fechziger, Jieb-
ziger und achtziger Yahren des vorizen Jahrhunderts, und dieje Ein-
wanderung kam aus Kongrek-Polen. In ein paar Jahrzehnten ent-
jtanden auf Neuland, das durd) Rodung dem Walde abgewonnen wurde,
gegen 500 deutfjhe Dörfer, und 1913 gab es in Wolynien und feinen
Grenzgebieten 250000 Deutjdhe in gejHloljenen Bauernkolonien, d.h.
5,7% der Landesbevölferung. Dieje Deutjdhen find zum allergrößten
Teil evangelijden Glaubens; daneben haben jid) aber aud) einige
Seiten ausgebreitet, von denen befonders die Baptijten zu nennen jind.
Nur ein Teil der Kolonien war auf zu Eigentum erworbenem
Lande gegründet; die Mehrzahl war auf Pachtland entjtanden, das
erjt dur die AUrbeit der Kolonijten in Kulturland verwandelt wurde,
und defjen Wert durd den Bau von jtrategijd wichtigen Cijenbahnen
und Chaufjfeen bald einen weiteren Zuwachs erlebte. Die erjten Padt-
verträge waren meift auf 36 Yahre abgejhloffen; die jährlide Pact-
zahlung war gering und betrug oft night mehr als 50 Kopeken für die
Dekjatine (= 1,0925 ha). Obwahl das rujfifdhe Recht (anders als
das Landesredht Kongrek-Polens) keine‘ Erbpacdt Kennt, enthielten die
meilten Pacdhtverträge die Beftimmung, da nad) AWblauf der 36jährigen
PachHtzeit die Verträge immer wieder auf je 36 Jahre unter den alten
Bedingungen zu erneuern wären. Diele GejeHesumgehung wurde aber
in der Folge für die Koloniften verhängnisvoll. Um die JahHrhundert-
wende begann der Wblauf der Pachtverträge. Die Zeiten Hatten jid
geändert; die Obereigentümer Hatten vielfad) mehr Steuern zu zahlen,
als der Pacdhtzins ihHnek eintrug; aud) andere Gründe, die [id weniger
rechtfertigen lieben, führten fie (meijlt waren es Ihon die NRedhtsnad-
jolger der erften Verpächter) zur Weigerung, die alten Pachtverträge
zu erneuern. Es fam zu vielen geridtliden Prozeffen. Statt einen
modus vivendi zu jOh)affen, benußte die rulfijdhe Staatsregierung die
Lage, um unter dem Schein des Rechts das Überhandnehmen deut/dher
Siedlungen im „Grenzgouvernement‘“ Wolynien einzudämmen. Die
Brutalität diejer rullijden Staatsraijon führte zu einem Zuijtand der
Rechtlofiakeit eines ehr aroken Teils der deutidhen Bauern Molpniens.