Der Einfluß der Naturverhältnisse in der bisherigen Litteratur. 127
Volksleben, Natur und Volkswirtschaft einander entgegen. Er setzt sich und das, was
er am direktesten als Habe und Besitz beherrscht, was er durch seine Technik umgestaltet
hat, dem übrigen der äußeren Natur, ihren Kräften und Einflüssen entgegen. Sie ist
m ein fremdes, übermächtiges, unbeherrschtes Gebilde; sie tritt ihm als Erde und
Klima, als Boden und Gebirge, als Luft und Wasser, als Pflanze und Tier gegenüber.
Sie ist ihm eine fremde Macht, die ihn freilich hier fördert, aber dort hindert und
vernichtet, mit der er ringt, die ihn beherrscht, die er beherrschen möchte. Je nachdem
ihm ihre Unterwerfung gelingt, ist er arm oder reich. Ihre Gestaltung und Umformung
durch die Technik macht den Inhalt seiner wirtschaftlichen Thätigkeit aus. Es ist klar,
daß ihre verschiedenen Kräfte, ihr verschiedener Reichtum ihm es bald leichter, bald
schwerer machen, zum Ziele zu kommen. Das Band seiner Abhängigkeit von ihr ist
hald kurz und starr, bald lang und elastisch.
Es ist die Frage, was wir über dieses Band, über diesen unzerreißbaren Zu—
sammenhang, über die Wechselwirkung zwischen Erde und Mensch, Natur und Volks⸗—
wirtschaft wissen.
Das in die Augen Fallendste aus diesen Zusammenhängen war schon den Alten
klar, und Montesquieu hat es im 18. Buch des Geistes der Gesetze wieder in Erinne—
rung gebracht, indem er z. B. die freiheitliebenden Bergstämme mit den bequemen
Ackerbauern der Tiefebene, die sich despotischer Herrschaft leicht unterwerfen, verglich.
Herder hat dann in seinen Ideen zur Geschichte der Menschheit diese Zusammenhänge
weiter verfolgt, er sucht zu zeigen, daß die Geschichte der menschlichen Kultur zu einem
erheblichen Teile zoologisch und geographisch sei, daß die Menschen jedes Klimas, jedes
Weltteils und Landes andere seien. Karl Ritter hat, auf diesen Gedanken bauend, die
Vorstellung, daß die natürliche Gestaltung der Erde providentiell die Entwickelung der
menschlichen Kultur vorgezeichnet habe, durch sein reiches empirisch-geographisches Wissen
benso wie durch seine philosophischen Anschauungen zu stützen gesucht. Und wenn die
Wege teleologisch-geistvoller Ausdentung des Zusammenhanges zwischen Natur und
Geschichte nur teilweise direkte Nachfolger in E. Kapp, J. G. Kohl, A. Guyot, E. Curtius,
H. Sivert fanden, gewisse Grundlinien dieser Auffassung blieben den historischen, staats—
wissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Studien doch als unverlierbares Erbe erhalten.
Es sei nur an zwei freilich einseitige Worte K. E. v. Baers exinnert: „Als die Erdachse
ihre Neigung erhielt, als das feste Land vom Wasser sich schied, als die Berge höher
sich hoben und die Ländergebiete sich begrenzten, war das Fatum des Menschengeschlechtes
in großen Umrissen vorausbestimmt.“ Und: „Es giebt keinen Grund, anzunehmen,
daß die verschiedenen Völker ursprünglich aus der Hand der Natur verschieden hervor⸗
gegangen sind; man hat vielmehr Grund, anzunehmen, daß sie verschieden geworden
find durch die verschiedenen Einflüsse des Klimas, der Nahrung, der socialen Zustände.
Der sociale Zustand wird aber, zwar nicht allein, doch vorherrschend durch die physische
Beschaffenheit der Wohngebiete veranlaßt.“
Was neuerdings durch die fortschreitende geographische Forschung auf diesem
Gebiete geleistet wurde, es sei nur an die Arbeiten Peschels und Ratzels erinnert, hat
die einschlägigen Fragen im einzelnen weiter gefördert. Auch die Fortschritte der
Meteorologie (Mühry, Dove), der Klimatologie (Hann, Woeikoff), der Pflanzen- und
Tiergeographie (Grisebach, Drude, A. Wallace), der Kulturgeschichte der Pflanzen und
Tiere (Hehn, Hahn) schufen einen besseren Boden für die wirkliche Erkenntnis, während
die mechanischen Theorien und spielenden Analogien Buckles eher einen Rückfall hinter
Montesquieu bedeuten, und die Nationalökonomen zwar in einzelnen Schilderungen
sich der Methode der wissenschaftlichen Geographie bedienten, in der allgemeinen Theorie
aber über einige halbwähre oder falsche Generalisationen oder über einige statistisch—
technologische Rotizen bezüglich Kohle und Dampfmaschine, Regenmenge und Durch—
schnittswärme kaum hinaus kamen.
Versuchen wir, aus den erwähnten Wissenschaften und Vorarbeiten das Wichtigste
anzuführen.