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Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
leben. Wo heute noch, wie in den mitteleuropäischen Ländern, 10 — 409/0 des Bodens
mit Wald bestanden sind, wo man ihn in dieser Ausdehnung erhält, teilweise weil der
Boden keine größeren Erträge giebt, seilweise weil der Wald als Feuchtigkeitsregulator
unentbehrlich ist, und weil das Holz für gewisse Zwecke sonst zu schwer zu beschaffen
wäre, da ist dieser Wald und sein Betrieb ein wichtiges Element der Volkswirtschaft.
Die Pflanzen des Waldes wie die der Wiese gehören in den Kulturländern auch heute
noch dem Kreise der ursprünglichen Ausstattung an, während das Garten- und Äcker—
land mehr eingeführte und acclimatisierte als einheimische Pflanzen trägt.
Wo der Baumwuchs fehlt, aber das Wasser nicht gänzlich mangelt, die Steppen—
gräser der Landschaft ihren Charakter geben, da ist die Heimat der Nomadenwirtschaft:
eine Reihe von Wurzeln und Beeren dienen neben der Jagd und der Nutzung der ge—
zähmten Tiere der menschlichen Wirtschaft. Wo die Steppe mit undurqdringlichen,
harten Gesträuchern bestanden ist, wie in Australien, hört jede menschliche Kultur auf.
In der gemäßigten und warmen Zone ist der Pflanzenbau und die Tierzucht im
Anschluß an ihre ursprüngliche Ausstattung entstanden. Daran schloß sich der erste Aubau
und die erste Tierzähmung. Die mit der Wärme steigende Zahl der vorkommenden
Pflanzenarten ist für die wirtschaftliche Kultur viel weniger bedeutungsvoll gewesen als
die relativ kleine Zahl der zum Anbau brauchbaren Pflanzen und der Tiere, deren
Zucht man lernte.
Obst, Beeren, Wurzeln aller Art spielten bei primitiver Kultur eine relativ größere
Rolle als später. Gewisse Bäume und Pflanzen ernähren in den heißen Ländern den
Menschen fast ohne Arbeit: so der Brotfruchtbaum, die Dattel-, die Palmyra- und die
okospalme sowie die Banane; aber ihr Vorkommen blieb oft unbenutzt wie z. B. die
sokospalme in Amerika bis 1500. Der Brotfruchtbaum, der die Südseebewohner haupt—
ächlich ernährt, ihnen 9 Monate frische Frucht liefert, für Z Monate das Leben von ein—
zemachten Früchten erlaubt, hat wohl auch die Sorglosigkeit dieser Menschen erzeugt.
An die Arbeit gewöhnte Neger, z. B. die in St. Vincent, sind durch Einführung des
Brotfruchtbaumes in gänzliche Faulheit und Indolenz versallen.
Die Gras- oder Getreidearten sind die wichtigsten Kulturpflanzen für die Menschheit
geworden; ihre heutige Verbreitung ist ein Werk der Menschen; aber die einzelnen
Arten sfind doch von Wärme und Klima abhängig, und die ältere Wirtschaftsgeschichte
war durch die ursprüngliche Ausstattung und den Stand der Verbreitung und Accli—
matisation bedingt. Im Gebiete der heutigen Vereinigten Staaten fehlten sie, und das
erklärt, wie die kümmerlichere Ausrüstung mit Pflanzen und Tieren überhaupt, die geringe
ältere wirtschaftliche Entwickelung der Hauptteile Nord- und Südamerikas; in Central—
amerika hatten und benutzten die Ureinwohner den Mais und auf den Höhen die Quinoa—
dirse; letztere ermöglichte es allein, daß am Titicacasee, in der Höhe von 12000 Fuß,
eine dichte Bevölkerung zu relativem Wohlstande kommen konnte. Wenn heute die Volke
Afrikas hauptsächlich von den Hirsegattungen (Negerhirse, Durha, Kafferkorn), gegen
7680 Millionen Mongolen und andere Völker Südasiens, Südeuropas und Mitlel
amerikas überwiegend von Reis, etwa 42450 Millionen Menschen der südlich ge—
mäßigten Zone ebenso von Mais und Weizen, etwa 150 Millionen in der nördlich
gemäßigten Zone hauptsächlich von Roggen und die noch weiter nördlich sitzenden Völker
von Hafer und Gerste leben, so springt in die Augen, daß, so wenig der heutige Anbau
dieser Gramineen ihrem ursprünglichen Standorte entspricht, doch das Klima'die Ver—
teilung auch heute im ganzen beherrscht, und daß die Ernten dieser Fruchte von gleicher
Fläche und Bodenbeschaffenheit nach Norden hin immer geringer werden. Der Weizen
trägt bei uns das 5—8fache der Aussaat, im Süden das 12 -25fache. Die Mais—
ernten steigen im Süden bis zum 70-, ja mehrhundertfachen. Der Roggen giebt bei
uns 800—1000 kg, der Reis in China 3840 Kg pro Hektar. Auf der QOuadratmeile
leben jenseits der Gerstengrenze fast nie mehr als 50, jenseits der Weizengrenze selten
nehr als 1000 Menschen, weiter füdlich ernähren die Gramineen 2, 8, 5 ja mehr
Tausend. Also große Verschiedenheiten des natürlichen Wohlstandes! Und sie steigern
ich noch sehr. wenn wir neben dem Getreide die anderen Pflanzen in Betracht ziehen.