218 Erstes Buch. Land, Leute und Technik.
Futterbau ermöglicht, die Bodenerschöpfung durch den jährlichen Wechsel der Früchte
verhindert, der die zehnfache Kapitalmenge, die zwei bis dreifache Arbeit auf dieselbe
Fläche verwendet, wie die einfache Dreifelderwirischaft. Die künstliche Düngung, die
Bodenmeliorationen aller Art, die Verbesserung der Ackerwerkzeuge, die Einführung von
landwirtschaftlichen Maschinen, die große Verbesserung der Viehzucht durch rationelle
Züchtung haben die Produktionskosten an vielen Punkten vermindert, die Ernten ver—
doppelt, teilweise vervierfacht. Die Zusammenlegung der Grundstücke und der Wegebau
haben in gleicher Richtung gewirkt. Der Pflug ist so verbessert, daß er bei halber
Zugkraft mehr leistet als fruüͤher. An einzelnen Stellen hat man den Dampfpflug,
neuestens gar elektrische Kraft angewendet. Die überall möglichen Verbesserungen haben
bei der zähen konservativen Art des Landmannes noch lange nicht allerwärts Eingang
und volle Wirkung erreicht, viele andere sind nicht überall anwendbar. Meist aber ist
der Betrieb mehr oder weniger rationalisiert und verbessert worden, so viel auch noch zu
thun übrig bleibt. Daß er aber fast nirgends gänzlich geändert wurde, daß die Fort—
schritte hier nicht wie im Verkehr und so vielen Gewerben eine Revolution bedeuteten,
darauf kommen wir gleich.
85. Würdigung des Maschinenzeitalters. Wenn wir die neuere west—
europäische Volkswirtschaft nach ihrer technischen Seite als Maschinenzeitalter bezeichnen,
so ist das ein Name, der von der wichtigsten, sichtbarsten Erscheinung genommen ist,
das Wesen der Sache aber nicht erschöpft. Dasselbe liegt in der auf Naturerkenntnis
gestützten Rationalisierung aller Wirtschaftsprozesse, in der Anwendung immer vollendeterer,
komplizierterer und doch in ihrem Erfolg billigerer Methoden und Arbeitsprozesse über—
haupt, welche bei gleicher oder geringerer Kraftaufwendung doch Größeres und Besseres
leisten. Die Physiologie hat in die Rafsenverbesserung, die Chemie da und dort ebenso
intensiv eingegriffen, wie die Mechanik mit ihren verbesserten Werkzeugen und den
Maschinen Zeit und Kraft erspart, bisher nicht ausführbare Leistungen ermöglicht hat.
Aber daß man möglichst überall menschliche Arbeit zu sparen, sie durch mechanische
Kraft und die Kraftmaschine zu ersetzen, daß man an Stelle des Werkzeuges die Arbeits—
maschine zu setzen suchte, das bildet allerdings den springenden Punkt der Entwickelung,
die wichtigste Neuerung. Der Sprachgenius hat mit Recht Werkzeug und Maschinen
in Gegensatz gestellt. Wir verstehen unter ersterem ein technisches Arbeitsmittel, das
den Arbeitsprozeß fördert und erleichtert, aber der Hand und dem Kopf des Arbeitenden
doch Sekunde für Sekunde die Ausführung überläßt, unter der Maschine ein technisches
Arbeitsmittel, das Naturkräfte und ein System zusammengesetzter fester Körper, kom—
binierter Werkzeuge nötigt, in mechanischer Abfolge Bewegungen auszuführen, so daß
dem Menschen nur die Überwachung und allgemeine Leitung des Arbeitsprozesses, eine
Summe kleiner, mechanischer Handgriffe bleibt. Die Kraftmaschine erzeugt und reguliert
die mechanische Kraft, die Arbeitsmaschine läßt die ihr mitgeteilte Kraft auf den wirt—
schaftlichen Arbeitsprozeß wirken; beide gehören zusammen. Einzelne Maschinen, wie der
Dampfhammer, sind Kraft- und Arbeitsmaschine zugleich. Einfachere Maschinen gab es
seit Jahrtausenden, wie das Schöpf- und Wasserrad; auch den Wagen, die Töpferscheibe,
den Pflug, die Kriegsmaschinen der Alten, das Spinnrad hat man als Maschinen be—
zeichnet. Heute gehören die Nähmaschine und viele andere hauswirtschaftliche Maschinen
in das Gebiet. Werkzeug und Maschinen gehen da ineinander über, wo die Arbeit aus
einer direkt die Stoffe formenden eine mehr bloß leitende wird. Das Maschinenzeitalter
besteht darin, daß die Kraft- und Arbeitsmaschinen eine früher nie gekannte Verbreitung
gefunden und einem steigenden Teil der Arbeitsprozesse ihren Stempel aufgedrückt haben.
Wir sahen, wie zur Menschenkraft zuerst die lenkbare Tierkraft hinzukam, wie
dann später Wind und Wasser als leicht faßbare mechanische Kräfte roh ausgenützt
wurden. Erst seit hundert Jahren wurden sie recht bemeistert und die schwer faßbaren
und lenkbaren, aber viel wirksameren mechanischen Kräfte Dampf und Elekiricität hinzu—
zefügt. Wir können uns durch ihre Summierung in der Einheit von Pferde- oder
Menschenträften eine rohe Vorstellung davon machen, wie sie das wirtschastliche Leben
gefördert haben. Wir benützen als Beispiel das heutige Deutschland. Seinen 26 Mill.