Der wirtschaftliche und sittliche Fortschritt in der heutigen Familienverfassung. 249
Die große Verbesserung der Familienwohnung, welche in den letzten 200 Jahren
sich bis in die Arbeiterkreise erstreckte, war einerseits die Voraussetzung der besseren
Ordnung der Produktion, und sie hat mit der Scheidung der Wohn- und Produktionsstätten
andererseits die inneren Verhältnisse des Familienlebens doch neben den vorhin
erwähnten Schädigungen nach anderer Seite hin außerordentlich gefördert, erleichtert,
ja dieses Leben auf eine viel höhere Stufe gehoben oder stellt solches in Aussicht, wo
diese Schüdigungen überwunden werden.
Die Leitung der älteren Familienwirtschaft mußte eine strenge, harte sein; die der
neuen ist viel einfacher und daher milder. Die Zügel sind im ganzen in die mildere
Hand der Frau und Mutter gegeben. Die Leitung von drei bis sechs Menschen ist ja
an sich leichter, sie kommen eher friedlich miteinander aus als zehn bis fünfzig. Die
ältere Familie war zugleich Geschäft, arbeitsteiliger Produktionsorganismus, war ein
Rechtsinstitut, das harter Disciplin bedurfte, um seinen Zweck zu erreichen. Auch wenn
sie zur Zeit der Eigenwirtschaft nicht allzu viel zu verkaufen und wieder einzukaufen
hatte, so bedurfte sie doch für die innere Produktionsleitung und für die Händel der
Knechte und Mägde, der zahlreichen Verwandten untereinander des männlichen, oft
gewaltthätigen Herrschers ebenso wie für ihre Vertretung in der Gemeinde, auf dem
Markte, im Staate. Die moderne kleine Familie ist ein wesentlich nach innen gerichteter
Haushalt, ohne jene komplizierte Produktionsthätigkeit und Arbeitsgliederung; der
herrschaftlichen Disciplinierung ist sie kaum mehr bedürftig; leicht verständigen sich
Mann und Frau und, wenn sie im richtigen Verhältnis stehen, auch Frau und Dienst—
boten über das, was zu geschehen hat. Die Dienstbotenmisere von heute wächst mit
der Zunahme perfönlicher Individualisierung, aber sie ist, glaube ich, doch im ganzen
verschwindend gegen die Schwierigkeiten und Härten, mit denen früher eine viel größere
Zahl in Ordnung zu halten war. Die wirtschaftlichen Beziehungen der Familien—
wirtschaft nach außen, so sehr sie wachsen, so sehr man die Waren und Leistungen der
verschiedensten Geschäfte und Handwerker heranziehen, Lehrer und andere Personen
beschäftigen muß, erfordern doch kein festes, hartes Regiment, wie einst das in der
patriarchalischen Familie war; diese Beziehungen spielen sich in der Form täglich neu
zu knüpfender und leicht zu lösender Verträge ab, welche in der Hauptsache die Frau
abschließt. So ist die Härte und Gewalt, die Ausbeutung und der Arbeitszwang, die
früher in der Familie kaum zu vermeiden waren, hinausgewiesen in die Unternehmungen,
auf den Markt des Lebens und der Konkurrenz. Und in der Familie ist nun Raum
für Friede und Behagen, für ein Wirtschaften mit Liebe und ungeteiltem Interesse
geschaffen, wie es früher in gleichem Maße nicht vorhanden sein konnte.
Die Arbeitsteilung fehlt freilich auch in dieser kleinen Familie nicht; die Mutter,
die Köchin, die erwachsene Tochter, die halb erwachsenen Kinder haben ihre besonderen
Aufgaben; aber im ganzen geht diese Teilung nicht weit; jedes hilft wo es kann und
ist stets mit ganzer Seele dabei, weil die stärksten sympathischen Gefühle zur intensivsten
Thätigkeit anspornen. Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau aber vollzieht sich
in der Hauptsache nicht innerhalb der Familie, sondern eben zwischen der Familienwirtschaft
überhaupt und den weiteren socialen Organisationen. Der Mann sucht sich
draußen eine Stellung, einen Erwerb, ein Vermögen; er kämpft da den harten Kampf
ums Dasein und findet die Kraft dazu, weil er in der Familie dafür die Ruhe, die
Harmonie, das friedliche Glück einer behaglichen Existenz genießt. Die Frau aber, die
die Kinder unter dem Herzen getragen, pflegt und erzieht sie; sie stellt die Dienstboten
an und entläßt sie, sie waltet in Küche, Keller und Kammer, sie reinigt und flickt, stellt
überall im Hause wieder die Ordnung her, führt den kleinen Kampf gegen Staub und
Verderbnis und erhält so allen Besitz, alle Geräte, alle Mobilien sehr viel längere
Zeit; sie kann mit demselben Einkommen das Doppelte schaffen, wenn sie ihr Budget
richtig einzuteilen, wenn sie mit Waren- und Menschenkenntnis einzukaufen versteht,
wenn sie die nötigen kleinen chemischen, technischen und Küchenkenntnisse hat; von ihrem
—
heit und Leben aller Familienglieder ab.