256 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Gruppen von zehn bis dreißig kleinen Hütten, von ein paar Langhäusern trifft
man auch heute noch überwiegend bei den niedrigstehenden Rafsen. Sie beherbergen
kleine Stämme oder Teile derselben, je meist nicht mehr als 30—150 Menschen. Bei
den Negern wohnt häufig noch ein ganzer Stamm gedrängt um seinen Häuptling oder
in einigen nahen Dörfern. Die Dörfer liegen in nahen Gruppen zusammen, welche
dann wieder von größeren leeren Räumen umgeben sind. Einzelhöfe kommen auf solcher
Stufe der Entwickelung in besserem Klima nur selten, im Gebirge, im Walde, am Rande
des kulturfähigen Bodens vor. Hirten und Nomaden haben häufig größere Ortschaften
als die Hackbauern, weil sie, leicht beweglich, ihre Weideplätze vorübergehend ohne zu
große Schwierigkeit erreichen, sich periodisch zerstreuen und wieder versammeln können.
Ibn Batuta erzählt im 14. Jahrhundert von sehr großen, stadtartigen Zeltlagern der
tatarischen Sultanate in Südrußland. Größere Orte kommen im übrigen überhaupt
sehr selten vor, und so weit wir sie finden, haben fie den Charakter vergrößerter Dörfer,
d. h. es leben da zusammengedrängt die fünf- bis zehn- und mehrfache Zahl Hackbauern,
Hirten, primitiver Ackerbauern, weil der Boden und die sonstigen Lebensverhäͤltnisse die
Anhäufung gestatteten oder zu ihr nötigten (wie z. B. der enge Raum der Oase, der
Küstenrand ⁊c.). Diese Orte, aber auch meist die alten Dörfer sind durch Erdwälle
oder Verhaue geschützt; aber sie erhalten damit keinen wesentlich anderen Charakter als
die offenen Dörfser. Der vorhandene Jahrmarktsverkehr findet nicht in ihnen, sondern
etwa auf freien Grenzgebieten, an der Kreuzung von Karawanenstraßen außerhalb der
Orte statt. Etwaige Schutzbauten, starke Wälle, in die sich ganze Stämme auf einen
Berg, in Schluchten und Thäler zurückziehen können, fallen in solcher Zeit auch häufig
aicht mit den Dörfern zusammen.
Fast ganz Afrika, außer dem Nordrand und einigen füdafrikanischen Kolonien der
Europäer, ist heute noch stadtlos. Wohl giebt es da und dort Großdörfer und Resi—
denzen kriegerischer Häuptlinge von einigen tausend Seelen; aber sie haben nicht Stadt—
charakter. Auch ein großer Teil Asiens ist darüber nicht viel hinaus gekommen, wenn
auch China, Japan, Indien schon Orte bis 100000 und mehr Seelen besitzen. Die
Häuser und Bauten, das Leben und die Wirtschaftsweise hat sich noch nicht stark diffe—
renziert. In Japan wohnen etwa 120/0 der Menschen in Orten mit über 10000 Ein—
wohnern, fünf derselben sind Städte mit über 100 000. Aber, sagt Rathgen, Japan
ist kein Land der Städte; sie sind nicht zahlreich und unterscheiden sich von den Dörfern
nicht viel. Der britisch-indische Census bezeichnet von 717549 Wohnplätzen wohl etwas
über 2000 als towns; in ihnen wohnen 9,480/0 der Bevölkerung; von dem Rest der
Wohnplätze haben 1891 343052 unter 200 Seelen, 222996 aber 2-5500. Und bis
nach Rußland und Polen, Ungarn und die Balkanhalbinsel hinein hat sich eine Wohn- und
Siedelungsweise erhalten, welche überwiegend dorfartig geblieben ist. Es haben da freilich
befondere historische und wirtschaftliche Schicksale, Nachwirkungen kriegerischer Verfassung,
die Natur des Landes teilweise übergroße Dörfer wie in Ungarn, teilweise Städte geschaffen
und erhalten; aber der übrige Teil des Landes ist davon nicht wesentlich berührt. Von
China wird berichtet, daß dort neben großen Städten sehr viele große ummauerte
Dörfer vorhanden seien; ein Land der Städte, wie Westeuropa, ist es doch nicht.
Man wird so nicht zu weit gehen, wenn man fagt, für alle älteren und alle ein—
fachen wirtschaftlichen Zustände sei das Fehlen von Höfen und Städten das Vor—
herrschende; beides komme mehr nur als Ausnahme vor; das Zusammenwohnen in
kleinen Orten, in Menschengruppen von 30—300 Seelen, sei die Regel, habe viele Jahr—
tausende hindurch vorgeherrscht. Das Dorf giebt der Siedelung und Wohnweise dieser
Stämme und Völker seinen Charakter. Das Dorf entspricht dem vorwiegenden Leben vom
Hack⸗ und Ackerbau; das zu bebauende Land ist für 30—8300 Menschen meist in sehr
leicht erreichbarer Nähe zu haben; vier Geviertkilometer geben Getreidenahrung für 150
bis 400 Menschen; auch wo die Orte bis 1000 und mehr Seelen steigen, ist die Acker—
wirtschaft in Sommerhütten draußen leicht zu führen, wie das in Ungarn von den
großen Dörfern aus üblich ist. Ob die einzelnen Wohnplätze etwas größer oder kleiner,
langgestreckt oder um einen runden Platz herum gebaut, difen oder geschützt sind, das