258 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
zu der Stadt gehörigem Landgebiete. Wir haben uns die griechischen Städte vor der
hellenistischen Zeit meist nicht über 2000 — 10 000 Seelen, aber auch die zugehörigen
Gebiete mit der Stadt meist nicht größer als 80 000 - 150 000 Seelen zu denken; nur
Athen und Syrakus waren damals schon Städte von etwa 100 000 Seelen. Kreta hatte
zur Zeit seiner Blüte auf 190 Geviertmeilen 100 Stadtbezirke, also hatte einer duͤrchschnittlich
nur 1,9. Die Stadtstaaten waren Kantone, ihre Wirtschaft war eine Stadlb—
wirtschaft; das ganze Volk wurde als Stadtvolk bezeichnet; die Anlage und der Bau
der Stadt war das Wichtigste für die ganze Volksgemeinde; die Burg, die Tempel, die
Markthallen, die Straßen, die Wasserleitungen, die Häfen waren künstlerische und tech—
nische, oft viel bewunderte Werke großer Meister.
Mit König Philipp und Alexander, sowie unter ihren Nachfolgern breitet sich
über Makedonien und den ganzen Orient eine hellenistische, systematisch geförderte Städte—
gründung aus: in den weit ausgedehnten Reichen entstehen zahlreichere, teilweise die
altgriechischen Städte weit übertreffende Großstädte. Die konsularische Provinz Asien
hatte zur Römerzeit 500 Städte oder Stadtbezirke. Alexandria stieg auf 500 000 vbis
700 000, Seleukia auf 600 000, Antiochia, Pergamon und manche andere Städte auf
über 100 000 Seelen.
Die italische Entwickelung war der griechischen entsprechend. Die Italiker kamen
wahrscheinlich schon aus der Poebene mit der Kunst des Feldmessens, Lager- und Städle—
bauens nach Mittelitalien (Rifsen). Die Römer kennen eine historische Entwickelung
nur ab urbé condita. Die staͤdtisch-kriegerische Konzentration ihres Gemeinwefens hai
sie an die Spitze des Latinerbundes, dann der übrigen italischen Städtegebiete, endlich
des ganzen Erdkreises gebracht. Das römische Reich war von Anfang bis zu Ende nie
etwas wesentlich anderes als ein Städtebund mit führender Spitze; die verschiedenen,
nach innen sämtlich eine gewisse Selbständigkeit und eigene Verwaltung genießenden
Stadtbezirke waren nur je nach den verschiedenen Klassen von städtischen Rechten in
ihrer auswärtigen Politik, ihrem Gerichtswesen, ihrem Heerwesen, ihrem Steuerwesen der
römischen Herrschaft abgestuft unterthan. Nach der Eroberung Spaniens, Galliens, Afrikas,
Noricums, Illyriens, Daciens war es die Hauptaufgabe der römischen Politik, überall
an Stelle der alten ländlichen Stammesverfafsung die höhere Stadtbezirksverfassung zu
setzen, eine Anzahl kleiner Stämme zu Stadtgebieten zusammenzulegen, die höheren
Klassen für die Reize der städtischen Kultur zu gewinnen, und so in den zu Städten
auswachsenden Lagern wie in den zu Städten und Bezirksmittelpunkten erhobenen
größeren befestigten Orten eine geordnete lokale Administration zu schaffen. Vor allem
die ersten zwei bis drei Jahrhunderte der Kaiserzeit waren dieser großen volkswirtschaft⸗
lichen und administrativen Aufgabe gewidmet. In der spanischen Provinz Tarraconensis
gab es in der älteren Kaiserzeit neben 179 Städten und Stadtbezirken noch 114 länd—
liche Bezirke, als Ptolomäus im 2. Jahrhundert n. Chr. schrieb, 248 Stadt— auf
27 Landbezirke. Gallien hatte unter Augustus 64, später 125 Stadtbezirke; das kar—
thagische und das mauretanische Gebiet waren je auf 300 Städte gekommen.
Überall fiegten dabei die hellenisch-italischen Sitten: alle großen Grundbesitzer, alle
reichen Leute des Gebietes zogen nach der Stadt; alles platte Land, alle Doͤrfer und
Weiler gehörten zum Stadtbezirke, standen unter den städtischen Magistraten. Mögen
die ländlichen Gemeinden meist ein Gemeindevermögen, eigene Sakra, jährlich wechselnde
Ortsvorsteher, eine gewisse administrative Bedeutung gehabt haben, in allem Wichtigen
unterstand das platte Land den Stadtbeamten; die lokalen Allmenden sind wahrschein—
lich frühe in dem großen staatlichen ager publicus verschwunden.
Nachdem dieser Prozeß der Ausbildung von Städten als Spitzen der Bezirks—
verwaltung sich vollendet, nachdem in den großen Reichen der Diadochen und später
Roms ein Zuftand der friedlichen wirtschaftlichen Entwickelung und des großen Ver—
kehrs sich ausgebildet hatte, traten naturgemäß andere Ursachen für die Zunahme der
Städte mehr in den Vordergrund: Handel und Verkehr steigerten zumal an den Küsten
und Flüssen, an den großen Landstraßen und Straßenkreuzungen das Gedeihen; die
Gewerbe erblühten da und dort in den Städten; Kunft und Litteratur, Theater und