344 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfafsung der Volkswirkschaft.
einzutreten. Aus dem Zusammenwirken der neuen Technik, des neuen Rechtes, der per—
fönlichen Freiheit, der vordringenden Geldwirtschaft, der bestehenden Gesellschaftsverhält—
nisse, der Bevölkerungszunahme ergab sich das neuere Arbeiisverhältnis, der moderne
Stand von Lohnarbeitern, seine Basierung auf den freien Arbeitsvertrag. Das Wesent—
liche ist dabei folgendes.
Nicht mehr bloß jüngere Leute stehen in abhängigen dauernden Arbeitsstellungen,
sondern auch verheiratete Familienväter und Frauen; ein großer Teil der Arbeilenden
hat keine Hoffnung, wie es früher vielfach der Fall war, mit den Jahren an die Spitze
eines Kleinbetriebes zu kommen; die Mehrzahl der Arbeitenden verkauft nicht einzelne
Arbeitsleistungen, wie die Dienste leistenden Handwerker, sondern sie verrichten in einem
wenn auch löslichen, doch festen und ihre Lebensführung beherrschenden Arbeitsverhältnis
für einen Arbeitigeber täglich bestimmte gleichmäßig sich wiederholende Dienste und
Arbeiten. Aber dafür ist auch für die Mehrzahl der Arbeiter durch eine gleichmäßig
ortgehende Einnahme die Exiftenz wenigstens einigermaßen gesichert; eine erbliche oder
lebenslängliche Berufsbindung, wie früher, besteht nicht; jeder kann seiner Faͤhigkeit
entsprechend sich seinen Verdienst suchen, wo und wie er will. Darin lag eben der
vesentliche Fortschritt. Der Arbeiter ist selbst verantwortlich gemacht; und wenn erst
angsam das rechte Gefühl dieser Verantwortlichkeit sich bildete, wenn es zunächst nur
eine Elite haben konnte, die übrigen ohne die alten Gängelbande teilweise zurückgingen,
der Segen der Freiheit trat doch nach und nach ein, zeigte sich in dem Maße, wie der
Arbeitsvertrag sich richtig ausgestaltete, der Arbeiterstand sich hob. Auch wo der
größere Teil der Arbeitenden erhebliche andere wirtschaftliche Mittel der Existenz nicht
hat als den täglich verdienten Lohn, der nur bei den höheren Stufen sich in Jahres—
gehalte mit dauernder Anstellung verwandelt, konnten Reformen aller Art das Arbeils—
verhältnis verbessern, wie wir im zweiten Teile sehen werden. Auf die einzelnen Seiten
des heutigen Arbeitsvertrages in wirtschaftlicher und rechtlicher Hinsicht kommen wir
daselbst.
Hier haben wir nur die Entstehung des freien Arbeiterstandes klarzulegen als
ein Glied in der Kette der gesellschaftlichen Arbeits- und Berufsteilung. So Ver—
schiedenes er umfaßt, wie einst die Sklaverei und die Hbrigkeit, alle, welche wir zu ihm
rechnen, stehen nicht bloß unter einer ähnlichen Rechts- und Wirtschaftsinstitution, fon—⸗
dern zeigen auch den übereinstimmenden Zug, daß sie die mehr ausführende, die mehr
mechanische Arbeit arbeitsteilig zu leisten haben, daß sie durch diese Teilung an ihre
Arbeitgeber gekettet sind, daß beide zusammen eine gesellschaftliche Organisation dar—
stellen, auf deren Wesen wir bei der Lehre von der Unternehmung kommen.
Hier haben wir nur noch die Frage zu beantworten, wie groß dieser Lohnarbeiter—
stand sei, und aus welchen einzelnen Elementen er fich zusammensetze. So wenig sicher
die statistischen Grundlagen hiefuͤr sind, jo geben sie doch einigen Anhalt. Für dem allen
preußischen Staat möchte ich folgende, freilich weder erschöpfende noch ganz sichere An—
gaben wagen. Es gab etwa:
1802 1816 1867
Fabrikarbeiter. . O,is Mill., 0,s Mil L,i4 Mill.,
Befellen und Lehrlinge .2 * O, is O,o⸗
landwirtschaftliche Arbeiter 2 O,s 14 —A
1,88 Mill, 2,38 Mil. 83 is.
Also ohne Dienstboten von 1816—67 eine Zunahme von 1,3 auf 3,0, mit ihnen
von etwa 2,8 auf 4,0 Mill.; in Prozenten der ganzen Bevölkerung ein Wachstum von
13 auf 19, mit den Dienstboten don 22 auf 2400; der ganze preußische Siaat dürfte
1867 etwas über 8, mit Dienstboten etwas über 6 Mill. Axrbeiter gehabt haben; im
Jahre 1898 zählte Preußen in Landwirtschaft, Industrie und Handel 75 Mill. Arbeiter
sohne Dienstboten). Das Deutsche Reich hatte nach den Berufszählungen von 1882
O., von 1895 12,5 Mill. Arbeiter ia diesen Produktionszweigen (ohne O,« Mill.
höhere Angestellte, d4 Mill. wechselnde Lohnaheiter un 1,8 Mill. Dienstboten, auch