Das heutige Arbeitsverhältnis. Größe und Zusammensetzung der Arbeiterklasse. 345
ohne die Post und die Eisenbahn); das waren 1882 230,0, 1895 250/0 der Gesamt⸗
bevölkerung. Für Frankreich hat man neuerdings noch die Arbeiter auf 18,3, die
Unternehmer auf 21,00/0 der Bevölkerung berechnet (Herkner). Für England giebt
Webb die männlichen Arbeiter zu 1895/0 an: mit den Frauen würden sie also wohl
über 250/0 ausmachen.
Eine große Zunahme der Arbeiterbevölkerung ist also von 1800—-1900 sicher
eingetreten; immer erreicht sie auch heute noch nicht die relative Zahl der Sklaven oder
gar der Hörigen früherer Zeiten. Die verschiedene Zunahme der Zahl der Lohnarbeiter
in den einzelnen Volkswirtschaften, die wir hier statistisch nicht weiter verfolgen können,
wird davon abhängig sein, wie früh und rasch der kleine Bauern- und Handwerker—
stand abnahm, der Großbetrieb zunahm; im Süden und Osten Europas wird er also
weniger umfangreich sein als in England, wo die frühe Vernichtung des Bauern—
standes ihn schon vom 16.—18. Jahrhundert anschwellen ließ. Mag die Erhaltung
des Bauernstandes für jedes Land, da und dort auch die längere Erhaltung des kleinen
Handwerkers ein Glück sein, im übrigen darf die Zunahme des Lohnarbeiterstandes
nicht unter allen Umständen als ein ungünstiges Symptom, als eine Vernichtung des
Mittelstandes, als eine Zunahme abhängiger Existenzen gedeutet werden. Sie ist an
sich ein Zeichen moderner Technik und Betriebsverhältnisse, kann proletarisches Elend,
aber auch je nach Zusammensetzung, Lohn, Arbeitseinrichtungen eine neue Füllung des
Mittelstandes, normale Verhältnisse der unteren Klassen bedeuten.
Das Verhältnis der Lohnarbeiterzahl zur Gesamtbevölkerung giebt überdies auch
statistisch noch keinen erschöpfenden Aufschluß über die Bedeutung derselben gegenüber
den Unternehmern und über die in ihnen stehenden Arbeiterfamilien. Darüber noch
einige Worte und Zahlen.
Im Jahre 1895 kamen in Deutschland in den drei großen Gebieten der Land—
wirtschaft, der Industrie und des Handels nach der Berufszählung:
248ß6 Erwerbsthätige mit ihren
Erwe. athenae allein e uß —I
n — 188 Mill. — 42,10,
ο, —83,600,
7,880, — 54,800,
18.0 Mill. — 100 06/0, 435, Niss. — 100 90.
Von diesem hinter der Gesamtbevölkerung um 7—8 Mill. zurückbleibenden Teile
der Nation machten also die Arbeiter 67,8, mit den Familien 54,390 aus.
Unter diesen Arbeitern stecken nun aber über 2 Mill. mithelfende Familienglieder;
von ihrer Gesamtzahl sind 66,69/0 ledige, 538 —60 010 jüngere Leute unter 80 Jahren.
Verheiratete männliche Arbeiter sind nur 8,— Mill., verheiratete weibliche nur O,s Mill.,
zusammen 4,8 Mill. (von den 12,8 Mill. Arbeitern) vorhanden; es werden also, da
wohl viele der verheirateten Männer und Frauen derselben Familie angehörten, nicht
viel über 4 Mill. Arbeiterfamilien in Deutschland 1895 auf 114512 Mill. Familien
des Reiches existiert haben. Wir sehen zugleich daraus, daß unter den Gesamtzahlen
unserer Arbeiter auch heute noch die jungen ledigen Leute, die unverheirateten, weit
uüberwiegen, daß unier ihnen viele Tausende sind, die später in Unternehmer- oder
andere Stellungen einrücken, dem Mittelstand, teilweise den höheren Klassen angehbren,
sich in andere Kreise verheiraten. Unsere heutige Statistik muß den Millionärssohn,
der als Commis in einem Geschäfte arbeitet, die Tochter des Bauern, die irgendwo
dient, ebenso zum Arbeiterstande rechnen wie den letzten proletarischen Arbeiter.
Auf die Scheidung des Lohnarbeiterstandes in gelernte und ungelernte Arbeiter, in
eine Hierarchie von Kreisen, deren obere Beamtenqualität haben oder sich ihr nahen,
den liberalen Kreisen, dem Mittelftand angehören, ebenso sehr geistige wie mechanische
Arbeit verrichten, haben wir nicht hier, sondern anderweit einzugehen. Diese Differen—
zierung des Arbeiterstandes selbst ist aber eine der wichtigsten und auch der erfreulichsten
Erscheinungen der neuesten volkswirtschaftlichen Entwickelung.