354 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
hauptsächlich aber aus den jüngeren Söhnen des Mittelstandes sich rekrutiert. Die
liberalen Berufe haben dem ganzen Mittelstande, der sonst überwiegend dem Geschäfte
und dem Erwerbe lebt, eine edlere Denkungsart eingeimpft und gewisse geistige Schwung—
federn verliehen, den nackten egoistischen Klafseninteressen anderer Kreise ideale Gegen—
gewichte gegeben; diese Kreise haben vielleicht zeitweise mit abstrakten Theorien Staat
und Gesellschaft zu sehr beeinflußt. Im ganzen aber wurden sie die eigentlichen Träger
des wifsenschaftlichen Fortschrittes, des Idealismus, der vornehmen Gesinnung. Der
Stand unserer heutigen Geistlichen und Lehrer, unserer Arzte und Gelehrten, unserer
Künstler und Beamten übt durch seine Berufsthätigkeit wie durch die im ganzen diskrete
und anständige Art seiner Entlohnung einen außerordentlich großen Einfluß auf die
Weiterentwickelung von Gesellschaft und Volkswirtschaft aus.
Diese Entwickelung nun im einzelnen für die verschiedenen hieher gehörigen
Berufskreise darzulegen, in jedem einzelnen die weitere Teilung der Arbeit zu verfolgen,
würde zu viel Raum fordern; es gehörte dazu eine Schilderung der Erziehungseinrichtungen,
der Carrierebedingungen, der verschiedenen Staffeln in jeder Laufbahn, der Art und Höhe
der Bezahlung; es müßte nachgewiesen werden, aus welchen socialen Schichten und
warum aus ihnen der einzelne Stand sich rekrutiert. Man müßte bei der Besprechung
der Beamtencarriere zuerst eine Geschichte der Amter geben, zeigen, wie die höheren,
mittleren, untergeordneten Amter, wie die Berufe der Offiziere, Richter, Verwaltungsbeamten
nebeneinander entstanden sind, wie erbliche, Wahl-, Ernennungsämter nach
und nebeneinander vorkamen, wie das Besoldungswesen und die unbesoldeten Ehrenämter
sich geftalteten. Es würde all' das hier zu weit führen. Nur das sei zum Schluß
bemerkt, daß die ganze Entwickelung des staatlichen Verfassungs- und Verwaltungs—
apparates unter dem Gesichtspunkte der Arbeitsteilung betrachtet werden kann, und sich
von ihm aus eine Reihe fruchtbarer wissenschaftlicher Gedankenreihen eröffnet. —
Die persönliche Arbeitsgliederung wird im Anschluß an die Natur- und
Verkehrsverhältnisse zur räumlichen Arbeitsteilung,; diese drückt sich aus in der
geographischen Verteilung der landwirtschaftlichen und gewerblichen Produktionszweige,
in den gesamten Wohnungs- und Siedelungsverhältnissen der Menschen mit Rücksicht
auf ihren Beruf. Wir haben diese Dinge bei der Erörterung der Siedelung schon
besprochen, müssen hier aber mit ein paar Worten auf sie zurückkommen.
Wo Stadt und Dorf nebeneinander entstehen, da ist der erste große Schritt
räumlicher Arbeitsteilung vollzogen: die Landwirtschaft fucht das Land, Gewerbe und
Verkehr die Stadt auf. Es entstanden die stadtwirtschaftlichen Systeme mit ihrer
räumlichen Gliederung. Die Stadt selbst hatte in ihrem Centrum Markt, Kirche, Rat—
haus, Münze, Wage, Gasthäuser, in ihrer Peripherie die Wohnungen, dann die land—
wirtschaftlichen Gebäude, die Wein- und anderen Gärten, sowie ihr Ackerland und ihre
Weide. Die Dörfer in nächster Nähe der Stadt fingen an, die rasch verderblichen,
schwer transportablen Rohprodukte, Gemüse, Milch, Blumen, Stroh, Heu, Kartoffeln zu
erzeugen; von den etwas entfernteren Dörfern kam mehr nur Getreide, von den ferner
liegenden Landbezirken das Vieh, die Wolle und ähnliche leichter transportable Produkte.
Thünen hat, indem er die Einwirkung der Transportkosten auf den Standort der
Landwirtschaftszweige studierte, in seinem isolierten Staate (s. S. 117) diese örtliche Arbeits—
teilung der Bezirke, wie sie unter dem Einflusse eines einheitlichen städtischen Marktes
sich gestalten muß, zuerst richtig erfaßt, sie gleichsam in ein abstraktes Schema gebracht.
Es sind die Zustände, die zugleich die ältere Stadtwirtschaftspolitik erklären, wie wir
sie bereits kennen gelernt haben, wie sie am deutlichsten sich da herausbildeten, wo in
einem Kleinstaate nur ein beherrschender städtischer Mittelpunkt vorhanden war.
Wo Wasserverkehr ist, oder ein verbesserter Landverkehr entsteht, beginnt die
Arbeitsteilung zwischen verschiedenen Städten und Gegenden. Nur zur Blütezeit der
antiken Weltreiche und in der neueren Zeit hat diese fortschreitende räumliche Arbeits—
teilung eine größere Bedeutung erhalten. Sie war Schritt für Schritt verknüpft mit
der Herstellung größerer Staaten und freier Märkte in ihrem Innern; das Hinterland
mußte seine Küsten und Flußmündungen zu erwerben suchen, die Industriegegend bedurfte