36 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
räuberischen Profitwut anklagen. Da herrscht jene ruhelose Habsucht, von der Plinius
'agt, daß sie alles vernichtet habe, was dem Leben wahren Wert gegeben habe, jene
ungerechte Pleonexie, von der Aristoteles meint, daß sie keine Grenzen kenne und die
größten Ungerechtigkeiten begehe, nur um mehr zu haben als andere. Wenn ein naiver
Materialismus in unseren Tagen jede Art des rücksichtslosen Erwerbstriebes als das
Schwungrad des Fortschrittes preist, so ist zwar zuzugeben, daß die großen wirtschaft—
lichen Anstrengungen und Leistungen unserer Kulturnationen nicht ohne einen starken,
ja rücksichtslosen Erwerbstrieb möglich wären. Aber ebenso sicher scheint uns zu sein, daß
die Uberspannung des Erwerbstriebes bis zur Hartherzigkeit die socialen Beziehungen
vergiften, den Frieden in der Gesellschaft vernichten und durch die erzeugte Gehässigkeit
und sittliche Roheit, durch die entstehenden Kämpfe den vorhandenen Wohlstand unter—
graben und verschütten kann. Es ist daher die große Frage unserer Zeit, durch welche
fittliche Mittel und durch welche sociale Einrichtungen einerseits das Maß gesunden
Erwerbstriebes zu erhalten ist, ohne welches das wirtschaftliche Streben großer Gemein—
schaften (die berechtigte Selbstbehauptung), die Freiheit der Person und die Entwickelung
der Individualität nicht zu denken ist, und andererseits doch jene Habsucht und sociale
Ungerechtigkeit zu bannen wäre, die unsere sittliche wie unsere wirtschaftliche Existenz
bedrohen. Die Socialdemokratie glaubt, es sei nur zu helfen durch Ausrottung aller
Profitmacherei, sie hofft auf ein goldenes Zeitalter mit Menschen ohne Egoismus. Der
Historike und Geograph wird daran erinnern, daß es mancherlei Volkstypen gebe,
wie z. B. die Madagassen, bei denen der Erwerbstrieb viel schamloser, ohne die bei
uns meist damit verbundene Energie und wirtschaftliche Thatkraft, rein als Geiz, als
Habgier, als bloßes Laster auftrete. Er wird daran erinnern, daß auch der Erwerbs—
trieb im späteren Rom und Athen schlimmer war als bei uns, daß der germanische
Erwerbstrieb in Grenzen bleibt, die andere Rassen nicht kennen, daß manche Kultur—
nationen einen reellen anständigen Kaufmannsgeist, eine Kaufmannsehre kennen, die in
einer eigentümlichen Verknüpfung des Erwerbstriebes mit höheren Eigenschaften der Seele
und mit mancherlei Tugenden besteht. Er wird es also für möglich halten, daß der
Erwerbstrieb immer gereinigter auftrete, in einer komplizierteren Weife mit anderen
ättlichen Kräften sich verbinde, durch höhere Formen des gesellschaftlichen Lebens nicht
vernichtet, sondern richtig reguliert werde.
19. Würdigung des Erwerbstriebes. Wir haben im bisherigen nur
»om Erwerbstrieb gesprochen: denn er ist in der Hauptsache auch von denen gemeint,
welche vorgeben, aus dem Egoismus, der Selbstsucht, dem Selbstinteresse die Volks—
wirtschaft abzuleiten. All' das sind weitere Begriffe, die sich nicht auf das wirtschaft-
liche Leben beschränken, sich nicht mit dem Erwerbstrieb decken. Der Egoismus und
seine Potenzierung, die Selbstsucht, bezieht alles auf das Individuum, hat nur sich im
Auge, vernachlässigt alles übrige; es giebt Leute mit starkem Erwerbstrieb, die aber
keine Egoisten sind. Das Selbstinteresse des Menschen steht im Gegensatz zum Interesse
jür andere; das geläuterte Selbstinteresse hat aber auch, alle höheren Gefühle, besonders
die für nahestehende Personen, das Vaterland und Ahnliches in sich aufgenommen.
Wir brauchen dabei nicht zu verweilen. Wir haben nur den wirtschaftlichen Erwerbs—
trieb zu würdigen.
Er ist, wie wir sahen, kein ursprünglicher und fundamentaler Trieb, wie etwa
der Selbsterhaltungstrieb; er kann nicht mit einigen anderen klar von ihm geschiedenen
Trieben den Anspruch erheben, die Reihe der menschlichen Triebe zu erschöpfen. Er ist
ein spätes Ergebnis der höheren Entwickelung des Selbsterhaltungs- und Thätigkeits—
triebes, sowie des individuellen Egoismus, die auf gewisser wirtschaftlicher Kulturstufe
hn erzeugen; er wächst hervor aus den sinnlichen Bedürfnissen und dem rechnenden
Sinn für die Zukunft, aus Selbstbeherrschung und kluger Anstrengung. Es hat Jahr—
ausende wirtschaftlichen Handelns gegeben ohne ihn. Auch wo er heute ausgebildet
ist, erhält er seine Färbung bei den einzelnen durch eine verschiedene Verbindung mit
anderen Gefühlen und Trieben; er verknuͤpft sich beim einen mit starken sinnlichen Be—
gierden; beim anderen mit aufopferndem Familiensinn, beim dritten mit Ehrgeiz und