38 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
schaftliche Tugenden bezeichnet, muß ebenso wie der Erwerbstrieb in einem wirtschaftlich
voranschreitenden Volke vorhanden sein. Und man könnte aus diesen Tugenden viel
eher versuchen, psychologisch die ganze Volkswirtschaft abzuleiten, als aus dem Erwerbs—
trieb, zumal aus der centralen und wichtigsten wirtschaftlichen Tugend, aus der Arbeit—
samkeit. Wenn wir im folgenden von ihr sprechen, dürfen wir nicht vergessen, daß die
Betrachtung dieser wie der anderen individuellen wirtschaftlichen Tugenden im ganzen
denseiben psychologischen und historischen Prozeß im Auge hat, wie die Untersuchung des
Erwerbstriebes, nur von einem anderen Gesichtspunkte aus. Auf die wesentlich individuellen
beschränken wir uns hier, da wir die sympathischen Gefühle und die an sie sich knüpfenden
Eigenschaften teils schon erwähnt haben, teils im Zusammenhange mit den socialen Ein—
richtungen, an die sie sich knüpfen, erörtern werden.
20. Die Arbeit und die Arbeitsamkeit. Wenn wir unter Arbeit jede
menschliche Thätigkeit verstehen, welche mit dauernder Anstrengung sittlich-vernünftige
Zwecke verfolgt, so können wir zweifeln, ob wir die einzelnen Anläufe des Barbaren, das
Wild zu erlegen oder sonstwie Nahrung zu suchen, schon ganz als Arbeit bezeichnen
follen. Von den Tieren legen wir nur denen Arbeitsamkeit bei, welche, wie die Bienen,
instinktiv planvoll und andauernd für ihre Lebenszwecke thätig sind. Der Mensch muß
erst langsam die Arbeit lernen. In geistvoller Weise hat Bücher nachzuweisen versucht,
daß hiebei in ältester Zeit der Rhythmus, Musik und Gesang, vieljach erziehend ein—
gewirkt, dem Menschen über Ermüdung und Trägheit weggeholfen, ihm die gemeinsame
Arbeit mehrerer erleichtert habe. Er hat damit die alte Wahrheit gestützt, daß die Aus—
bildung der ästhetischen und der ethischen Gefühle und Eigenschaften aufs engste zusammen—
hängt. Mit der Seßhaftigkeit, dem Acker- und Garlenbau, welche eben deshalb der
Wilde verabscheut, beginnt jene größere Mühsal, die das deutsche Wort Arbeit bezeichnet,
beginnt die Notwendigkeit, in fest geregelten Perioden thätig zu sein. Aus solcher Zeit
stammt der Fluch: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ und die
Regel der sechstägigen Arbeit auf einen Ruhetag, welche seitdem die ganze Welt be—
herrscht. Lange waren bei vielen Völkern überwiegend die Schwächeren gezwungen, die harte
Arbeit des Ackerns, Schleppens, Hütteubauens zu vollführen: die Weiber und die Knechte.
Es ist ein großer Fortschritt, wenn auch die freien Männer hinter dem Pfluge zu gehen
beginnen. Auch thun es nicht sofort alle Volksgenossen; die eigentlich wirtschastliche
Arbeit bleibt lange für die Aristokraten eine Schande. Und noch heute haben wir
thörichte Parvenüs, verzogene Muttersöhnchen und eitle Weiber genüg, die Faulenzen
für vornehm halten, die nicht einsehen wollen, daß die Faulheit aller Laster Anfang
und alles Glückes Grab sei. Die gewöhnliche Ackerbestellung in unseren Klimaten läßt
für die Arbeit noch lange Pausen zu. Der Bauer alten Schlages kann träge einige
Monate hinterm Ofen sitzen, er arbeitet nicht nach der Uhr, sondern nach der Sonuͤe
und der Jahreszeit. Die Hauswirtschaft aber und das gewöhnliche Gewerbe führen zu
einer Thätigkeit, die Tag für Tag, von früh bis spät gethan sein will. Im Hause, in
der Werkstatt lernt der Mensch intensiver, gleichmäßiger arbeiten, weil das eine sich stets an
das andere anknüpft, weil Vorräte an künftigen Gebrauchsmitteln hier geschaffen werden
können, die Freude am häuslichen Herd und am technischen Erfolg der Arbeit neue
Reize giebt. Hauptsächlich aber lockt, wie wir sahen, die Möglichkeit des Verkaufes zur
Arbeit. Die Handelsthätigkeit wird ausschließlich durch den Gewinn veranlaßt. Die
Arbeit des Kriegers, des Priesters hat zuerst auch Beute und allerlei Gewinn neben
der Ehre und der Macht in Aussicht. In komplizierter Weise verbinden sich die ver—
schiedensten Motive für die Entstehung und Ausbildung aller höheren Arbeitsthätig—
keit, während für die mechanischen Arbeiten, wie sie mit der Arbeitsteilung das Los
der unteren Klassen bleiben, bisher überwiegend entweder der äußere Zwang oder der
Hunger das wesentliche Motiv blieb. Doch darf, wenn man heute so vielfach und
mit Recht über eintönige mechanische Arbeit und Überarbeit klagt, wenn man be—
tont, wie viele Menschen heute gezwungen sind, eine ihnen innerlich fremde, unver—
ständliche Arbeit zu verrichten, nicht übersehen werden, daß es ohne solche Opfer,
seit es eine höhere Kultur mit Arbeitsteilung gab, nicht abging. Es muß nur das