Full text: Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Literatur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft (1.1901)

Die Arbeitsamkeit, der Fleiß, die Wirtschaftlichkeit. 39 
Ziel sein, diese Opfer zu vermindern, möglichst alle Arbeit so zu gestalten, daß sie mit 
Teilnahme und Verständnis, nicht bloß aus Hunger und Not geschieht. 
Der Erziehungsprozeß der einzelnen, der Völker und der ganzen Menschheit zur 
Arbeit ist troß der modernen Kehrseiten einer mechanischen Überarbeit ein Weg nach 
oben: alles was zur Arbeit zwingt und veranlaßt, ist besser als das Gegenteil, als 
Faulheit und Indolenz, enthält Elemente der wirtschaftlichen und der sittlichen, der 
körperlichen und geistigen Schulung. Arbeit ist planvolle Thätigkeit, sie besteht in der 
Beherrschung der wechselnden Einfälle und Triebreize; sie ist stets ein Dienst für Zwecke, 
die nicht im selben Augenblick, sondern erst künftig Gewinn, Lohn, Genuß verheißen. 
Jede Atbeit setzt Uberwindung der Trägheit und der Zerstreutheit voraus. Der Arbeitende 
muß fich selbst vergessen und sich versenken in sein Objekt; die Natur einer Arbeit, nicht 
seine Lust schreibt ihm Gebote vor. Der Arbeitende muß sich Zwecken unterordnen, die 
er in der Schule, in der Werkstatt, im vielgliedrigen Arbeitsorganismus oft gar nicht, 
oftmals nicht sofort als heilsam und notwendig einsieht, er muß zunächst gehorchen und 
fich anstrengen lernen. Er wird freilich ein um so tüchtigerer Arbeiter, je mehr er die 
Zwecke begreift, billigt, je mehr es direkt oder indirekt — durch den Lohn und durch 
das Gefühl, einem großen Ganzen zu dienen — seine eigenen Zwecke sind, je mehr sein 
Körper und sein Geist durch Bererbung und Schulung für die bestimmte Art der Arbeit 
geschickt gemacht sind. 
Jede mechanische Arbeit hat geistige Elemente, kann, wie die des Holzhackers, 
Mähers, Steinträgers, geschickt, klug, überlegt gethan werden; je künstlicher Werkzeuge 
und Maschinen werden, desto mehr Üümsicht und Verständnis erfordert auch die mechanische 
Lohnarbeit. Auch die rein geistige Arbeit hat ihre mechanischen Teile, wie der Schrift- 
steller, der Klavierspieler oft die Muskeln und Nerven der Arme ruiniert. Die ein— 
seitige körperliche wie die einseitige geistige Arbeit darf nicht zu viele Stunden des Tages 
fortgesetzt werden, muß mit Erholung, Schlaf und anderer Thätigkeit richtig abwechseln. 
Aber im rechten Maße, von den rechten Schutzmitteln gegen Gefahren umgeben, ist die 
Arbeit in der Regel eine Stärkung des Körpers und des Geistes. Die Arbeit giebt, wie 
uns die neuere Physiologie gezeigt hat, den geübten Körperteilen eine bessere physische 
Zusammensetzung, macht fie fsester, gegen Ermüdung widerstandsfähiger, in der Bewegung 
unabhängiger, erregbarer. Der arbeitende Mensch, zumal der seit Generationen arbeitende, 
ist flinker, rühriger, entschlossener, weil er über brauchbarere Knochen, Muskeln und Nerven 
verfügt als der träge. Die Nervenerregbarkeit ist die wesentliche Ursache, daß dem Kultur⸗— 
menschen die stete Ärbeit Bedürfnis und Freude ist. In der Arbeit lernt der Mensch 
beobachten und gehorchen, er lernt Ordnung und Selbstbeherrschung. Nicht umfonst 
verknüpßft der Volksmund: Beten und Arbeiten. Nur durch die Arbeit giebt der Mensch 
seinem Leben einen Inhalt, der sonst — bei Hingabe an die elementaren Triebreize — 
fehlt. Nur durch die Arbeit lernt der Mensch seine Kräfte kennen, seine Zeit einteilen, 
einen Lebensplan entwerfen. Mit der Übung wachsen die Kräfte, mit den Kräften die 
Arbeitsfreude und das menschliche Glück. In der Arbeit wurzelt alle sittliche That— 
kraft. Nur die Individuen, Familien, Klassen und Völker, die arbeiten gelernt, erhalten 
sich; die, welche sich der Arbeit entwöhnen, in Arbeitseifer und Geschicklichkeit zurück— 
gehen, verfallen. Otium èét reges et beatas perdidit urbes. 
21. Die anderen wirtschaftlichen Tugenden. Während wir unter dem 
Fleiß die habituelle Richtung des Willens auf eine emsige Arbeitsthätigkeit verstehen, 
bezeichnen wir mit der schon oben (S. 8) berührten Wirtschaftlichkeit jene Eigenschaft, 
die sich zuerst in der Hauswirtschaft entwickelt, dann auf alle wirtschaftliche, ja überhaupt 
in abgeleitetem Sinne auf alle äußere menschliche Thätigkeit ausgedehnt hat, jenen Sinn, 
der sorgsam die Mittel für einen bestimmten Zweck zu Rate hält, mit Umsicht an Kräften 
und Verbrauch spart, stets daran denkt, mit den kleinsten Mitteln den größten Erfolg 
zu erzielen. Sie ist eine Eigenschaft, welche ebenso sehr auf genauer Kenntnis und Be— 
herrschung der technischen Mittel für einen Erfolg wie auf steter Aufmerksamkeit beruht. 
Sie ift ein Ergebnis der Erfahrung, der Nachahmung des guten Beispiels, sie hängt mit 
der sittlichen Selbstbeherrschung wie mit der Verstandesausbildung zusammen. Das
	        
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