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mordung von zwei katholischen deutschen Missionären in Tsing-tau Veran
lassung, durch das in Ostasien stationierte Geschwader dieKafenstadt Kiautschau
an der gleichnamigen Bucht besetzen zu lassen und behufs verstärkter Demon
stration unter dem Kommando des Prinzen Heinrich eine zweite Flotten
division dorthin zu entsenden. In die Abschiedsrcde an seinen Bruder
flocht der Kaiser die später viel zitierten Worte ein:
„Sollte es aber ja irgendeiner unternehmen, uns an unserm guten
Rechte zu kränken oder schädigen zu wollen, dann fahre darein mit der
gepanzerten Faust! und, so Gott will, flicht Dir den Lorbeer um Deine
junge Stirn, den niemand im ganzen Reiche Dir neiden wird."
Zum „Dreinfahren" kam es jedoch nicht. Die durch den japanischen
Krieg erschöpfte chinesische Regierung ließ sich auch ohne das bewegen,
Deutschland die Bucht von Kiautschau mit etwa 540 Quadratkilometer Land-
gebiet auf 99 Jahre zu verpachten und ihm außerdem auf der Kalbinfel Schan-
tung und deren Hinterland gewisse Rechte einzuräumen. Gegen eine friedliche,
.auf Freundschaftsbeziehungen gestützte Pachtung hätte sich unter den da
maligen Verhältnissen, wo Rußland China vom Norden her immer stärker
bedrängte, wenig einwenden lassen, als Einleitung zur Teilnahme an einer
Aufteilung Chinas war sie unter allen Umständen zu verwerfen, da voraus
zusehen war, daß sie alsdann Deutschland in unabsehbare Konflikte hinein
ziehen mußte. So war es, zumal die auswärtige Politik Deutschlands von
einer Persönlichkeit bestimmt ward, die niemand verantwortlich war, ganz
selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie ihre Zustimmung zu dem Pacht
vertrag versagte. Tatsächlich wurde denn auch die Pachtung von einem
großen Teil des chinesischen Volkes als das Gegenteil eines freundschaft
lichen Aktes betrachtet und trug mit zur Entfachung jener nationalen
Erhebung vom Frühjahr 1900 bei, die als „Boxeraufstand" bekannt
geworden ist und in deren Verlauf der deutsche Gesandte von Ketteler von
einem Soldaten erschossen wurde, als er sich, entgegen dem Rat seiner
Kollegen, in dem erregten Peking auf der Straße sehen ließ. Es erfolgte
von seiten Deutschlands die Waldersee-Expedition, der es im Verein mit
den Expeditionstruppen der anderen Mächte ein leichtes war, die Auf
ständischen niederzuschlagen, deren Kosten aber — ganz abgesehen von den
Verlusten an Menschenleben — weit höher waren, als der Teil der China
auferlegten Kriegsentschädigung, der auf Deutschland entfiel.
Die Worte, die Wilhelm II. den ausfahrenden Offizieren und Truppen
auf den Weg gab, gingen noch weit über den Satz von der gepanzerten
Faust hinaus. In der Ansprache an die aus Bremerhaven verschifften
Truppen hieß es am 27. Juli 1900:
„Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen,
tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, fo
wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht.
Führt eure Waffen fo, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr
es wagt, eirxen Deutschen scheel anzusehen. Wahret Manneszucht."
Eine offizielle Lesart gab die Worte des Kaisers später fo wieder:
„Pardon wird euch nicht gegeben." Ob das dem Tatbestand oder einem
nachträglichen Wunsche entspricht, kann dahingestellt bleiben. Aber ver
standen wurden die Worte so, wie sie oben stehen, und es ist genug bekannt