Full text: Die Berliner Arbeiterbewegung von 1890 bis 1905

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mordung von zwei katholischen deutschen Missionären in Tsing-tau Veran 
lassung, durch das in Ostasien stationierte Geschwader dieKafenstadt Kiautschau 
an der gleichnamigen Bucht besetzen zu lassen und behufs verstärkter Demon 
stration unter dem Kommando des Prinzen Heinrich eine zweite Flotten 
division dorthin zu entsenden. In die Abschiedsrcde an seinen Bruder 
flocht der Kaiser die später viel zitierten Worte ein: 
„Sollte es aber ja irgendeiner unternehmen, uns an unserm guten 
Rechte zu kränken oder schädigen zu wollen, dann fahre darein mit der 
gepanzerten Faust! und, so Gott will, flicht Dir den Lorbeer um Deine 
junge Stirn, den niemand im ganzen Reiche Dir neiden wird." 
Zum „Dreinfahren" kam es jedoch nicht. Die durch den japanischen 
Krieg erschöpfte chinesische Regierung ließ sich auch ohne das bewegen, 
Deutschland die Bucht von Kiautschau mit etwa 540 Quadratkilometer Land- 
gebiet auf 99 Jahre zu verpachten und ihm außerdem auf der Kalbinfel Schan- 
tung und deren Hinterland gewisse Rechte einzuräumen. Gegen eine friedliche, 
.auf Freundschaftsbeziehungen gestützte Pachtung hätte sich unter den da 
maligen Verhältnissen, wo Rußland China vom Norden her immer stärker 
bedrängte, wenig einwenden lassen, als Einleitung zur Teilnahme an einer 
Aufteilung Chinas war sie unter allen Umständen zu verwerfen, da voraus 
zusehen war, daß sie alsdann Deutschland in unabsehbare Konflikte hinein 
ziehen mußte. So war es, zumal die auswärtige Politik Deutschlands von 
einer Persönlichkeit bestimmt ward, die niemand verantwortlich war, ganz 
selbstverständlich, daß die Sozialdemokratie ihre Zustimmung zu dem Pacht 
vertrag versagte. Tatsächlich wurde denn auch die Pachtung von einem 
großen Teil des chinesischen Volkes als das Gegenteil eines freundschaft 
lichen Aktes betrachtet und trug mit zur Entfachung jener nationalen 
Erhebung vom Frühjahr 1900 bei, die als „Boxeraufstand" bekannt 
geworden ist und in deren Verlauf der deutsche Gesandte von Ketteler von 
einem Soldaten erschossen wurde, als er sich, entgegen dem Rat seiner 
Kollegen, in dem erregten Peking auf der Straße sehen ließ. Es erfolgte 
von seiten Deutschlands die Waldersee-Expedition, der es im Verein mit 
den Expeditionstruppen der anderen Mächte ein leichtes war, die Auf 
ständischen niederzuschlagen, deren Kosten aber — ganz abgesehen von den 
Verlusten an Menschenleben — weit höher waren, als der Teil der China 
auferlegten Kriegsentschädigung, der auf Deutschland entfiel. 
Die Worte, die Wilhelm II. den ausfahrenden Offizieren und Truppen 
auf den Weg gab, gingen noch weit über den Satz von der gepanzerten 
Faust hinaus. In der Ansprache an die aus Bremerhaven verschifften 
Truppen hieß es am 27. Juli 1900: 
„Ihr wißt es wohl, ihr sollt fechten gegen einen verschlagenen, 
tapferen, gut bewaffneten, grausamen Feind. Kommt ihr an ihn, fo 
wißt: Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden nicht gemacht. 
Führt eure Waffen fo, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr 
es wagt, eirxen Deutschen scheel anzusehen. Wahret Manneszucht." 
Eine offizielle Lesart gab die Worte des Kaisers später fo wieder: 
„Pardon wird euch nicht gegeben." Ob das dem Tatbestand oder einem 
nachträglichen Wunsche entspricht, kann dahingestellt bleiben. Aber ver 
standen wurden die Worte so, wie sie oben stehen, und es ist genug bekannt
	        
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