242 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
wird erschwert. Das ursprüngliche Gewaltverhältnis wandelt sich in ein sittliches, fürs
Leben geschlossenes Ehebündnis um. Die Monogamie wird schon von Menu und
Zoroaster empfohlen, bei den Griechen ist sie die, freilich durch das Hetärentum ver—
unzierte, überwiegende Sitte, bei den Römern Gesetz; das Christentum verhilft ihr
definitiv zum Siege.
Die Kinder, welche in ältester Zeit in Liebe nur der Mutter anhingen, welche
der Mann behandelte wie junges, gezüchtetes Vieh, welche er töten und verkaufen konnte,
treten nun auch zum früher ihnen ferner stehenden Vater, als klar bewußte Fortsetzer
seines Blutes, in ein Verhältnis der Liebe und Sympathie, der Treue und der Ver—
ehrung. Der Kindesmord verschwindet, wird zuletzt gesetzlich verboten, der Kinderverkauf
beschränkt fich auf Notfälle, die Verheiratung der Tochter hört auf ein Geschäft zu fein;
die unbarmherzige Ausnützung der Kinder für die Wirtschaft verwandelt sich in jene
harte, zu Zeiten des Mutterrechtes noch fast ganz fehlende Erziehung, welche Ehrfurcht
vor dem Alter und vor den Eltern predigt, welche das Fundament wird fuür die feste
Uberlieferung aller sittlichen und praktischen Errungenschaften der Menschheit von
Generation zu Generation.
Indem die alten Eltern nicht mehr totgeschlagen, sondern als ein Gegenstand der
Ehrfurcht behandelt, als die Quelle aller Weisheit verehrt werden, indem in den
patriarchalischen Familien der Sinn für Genealogien entsteht, indem die Bilder der
Ahnen am Hausaltar aufgestellt werden, erhält das Leben in der Familie jene ideale
Weihe, entsteht jene Versittlichung der Beziehungen der Gatten und Kinder unter—
einander, welche die patriarchalische Familienverfassung allen folgenden Jahrhunderten
überliefert hat.
Die Fürsorge der Eltern für die Kinder wird eine unendlich umfassendere, nicht
bloß einige Jahre andauernde, wie zur Zeit des Mutterrechtes; die Fürsorge der Kinder
für die alten Eltern entsteht jetzt erst. Die maßlose Kindersterblichkeit nimmt nach und
nach ab; die Lebensdauer der Eltern über die Kindererzeugung hinaus wächst, und damit
beginnt, wie H. Spencer zeigt, erst die rechte Befähigung der Menschen zu den höheren
Kulturleistungen. Die Summe sympathischer Bande zwischen Eltern und Kindern und
zwischen Verwandten überhaupt, sowie die daraus entspringenden höchsten und dauer—
haftesten Freuden nehmen in der patriarchalischen Familie gegenüber den älteren Zu—
ständen wesentlich zu. Die früher nur nach der Mutterseite gepflegte Verwandtschaft
wird jetzt nach Vater- und Mutterseite hin gleichmäßig anerkannt, verknüpft deshalb in
sympathischer Weise einen viel größeren Kreis von Stammesgenoössen.
In wirtschaftlicher Beziehung ist die patriarchalische Familie ganz anders leistungs—
fähig als die Muttergruppe und als die Gens. Die Muttergruppe hatte keinen erheb—
lichen Besitz, keine dauernde Existenz gehabt. Die patriarchalische Familie ist hierin ihr
Gegenteil; die väterliche Gewalt und der Besitz geben ihr den festen, für Generationen
sich erhaltenden Mittelpunkt. Die Gens war eine Verknüpfung von Brüdern und
Schwestern und Schwesterkindern zu einzelnen Zwecken; die Familie verknüpft eine kleine
Zahl Verwandter und Beherrschter viel enger für alle Zwecke des Lebens; sie erzeugt
eine sehr viel intensivere Gemeinwirtschaft, sie schafft die natürlichste, systematisch und
einheitlich geleitete Arbeitsteilung, die vorher überhaupt kaum vorhanden ist; sie
ermöglicht erst die richtige Verwertung jeder Arbeitskraft an der rechten Stelle und
sichert durch den für rohe Menschen unentbehrlichen Arbeitszwang zum erstenmale
die Überwindung der natürlichen Faulheit; sie ist zugleich die einfachfie Art, für Kranke,
Alte, Sieche, Gebrechliche zu sorgen.. Die Wirtschaft der patriarchalischen Familie um—
faßt die ganze Produktion, die Sorge für Wohnung, für Kleidung, für Speise und
Trank, die Herrichtung für den Verbrauch, kurz den ganzen Wirtschaftsprozeß von Anfang
bis zu Ende. In einer Zeit erheblicher technischer Fortschritte entstanden, die aber noch
keinen nennenswerten Verkehr, kein Geld, keinen bedeutenden Absat kennt, wird die
Wirtschaft der Hirten- und Ackerbaufamilien wohl von Gentil-, Gemeinde- und Stammes—
zenofsen in diesem und jenem noch unterstützt, ist von den Ordnungen der Verbände
abhängig, aber sie ist doch wirtschaftlich in der Hauptsache selbständig, sie hängt nicht