Full text : Handbuch der praktischen Politik (Bd. 2)

650 Materielle Politik.
oder in einer Periode das eine Princip behauptet haben, während sie in andern
Angelegenheiten das entgegengesetzte adoptirten. Diejenigen Theoretiker — so
wie auch Diplomaten — welche die Nichtintervention als Regel aufstellen,
geben gleichwohl zu, daß ausnahmsweise Verhältnisse eintreten können, wo eine
Intervention erlaubt oder nothwendig sei. Durch die Unbestimmtheit der Aus—
nahmen verliert die Regel ihre praktische Bedeutung und es bleibt nur übrig zu
sagen, daß die Frage jedes Mal in concreto entschieden werden muß, womit
Alles dem Rechtssinne, der Politik und dem Gewissen der Intervenirenden an—
heimgestellt wird.
Vgl. Wheaton, Flements du Dr. international 2. P. Ch. 1.
Heffter, Europ. Völkerrecht der Gegenwart J. Buch. 1. Abschn. 9944 —-46.
Mohl, Encych. d. Staatswissenschaften 958. b) 8 42.
Bülau, Encyclk. 2. Aufl. 842.
Die Intervention tritt entweder offen auf, oder sie wirkt auf verdeckte Weise
durch s. g. moralische Assistenz (welche oft sehr unmoralisch ist) durch Aufrei—
zung und heimliche Unterstützungen aller Art. Die Intervention berechtigt an—
—DV
interveniren uud dadurch wird oft die Intervention gehindert, indem ein Schwert
das andere in der Scheide hält: eine solche Concurrenz kann aber auch Con—
gresse und durch diese eine gemeinschaftliche Intervention herbeiführen. Das
Geschichtliche hinsichtlich der neuern Zeiten findet man bei Wheaton und
Heffter a. a. O. Vgl. auch Wheaton, Hist. des progrès du D. intern.
IV. Période d 23.
Wenn sich in der Geschichte die Rechtsidee und das objective Gesetz der
internationalen Verhältnisse und der Politik manifestirt, so muß man zugeben,
daß das Mittelalter und die Neuzeit eine Reihe von Interventionen aufweisen.
Das Pabstthum und das abendländische Kaiserthum waren ihrem Wesen nach
dazu berufen und haben ihre Einmischung oft zu Verhütung von Blutvergießen,
Milderung des Faustrechtes zu Friedensvermittelung und andern guten Zwecken,
oft aber auch, besonders die Hierarchie, zu schlimmen Zwecken ausgeübt. Wir
finden schon sehr frühe eine revolutionäre Propaganda, welche ihre Wirksamkeit
in die Gebiete mehrer Staaten auszudehnen sucht. S. IV. B. 883. S. 319.
S. 321. Indem wir die Einmischung Englands in die Händel der Armagnacs
und Bourguignons übergehen, erwähnen wir die Unterstützung der Hugenot⸗
ten durch deutsche Glaubensverwandte, die Einmischung Spaniens in die fran⸗
zösischen Wirren im Einverständniß mit den Guisen, die Einmischung Gustav
Adolphs in die Religionsstreitigkeiten der Deutschen, Richelieu's, welcher in
Frankreich die Hugenotten unterdrückte, in Deutschland unterstützte, die Inter—
vention mehrer Mächte in die spanische Successtonsstreitigkeit und glauben die
Aufzählung dieser Fälle, welche noch vermehrt werden könnten, werde zeigen,
            
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