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Viertes Buch. Die Abtrünnigen.
in deren eifriger Propaganda das Evangelium und der Sozialismus eng
vereinigt sind 1 ).
In den Vereinigten Staaten trat der christliche Sozialismus noch
viel schärfer gegen den Kapitalismus auf, den er in biblischer Sprache
„Mammonismus“ nennt. Die erste Gesellschaft von Christian So-
cialists scheint in Boston im Jahre 1889 gegründet worden zu sein.
Seitdem sind viele gefolgt. Die letzte definiert in ihren Statuten ihr Ziel
wie folgt: „die soziale Botschaft Christi in die Kirchen eindringen zu lassen,
und zu zeigen, daß der Sozialismus notwendigerweise der wirtschaftliche
Ausdruck des christlichen Lebens ist“; und ein wenig weiter: „überzeugt,
daß das Ideal des Sozialismus mit dem der Kirche übereinstimmt, und
daß das Evangelium von der kooperativen Republik (cooperative Common
wealth) nichts Anderes ist als das Evangelium vom Reiche Gottes wirt
schaftlich ausgedrückt . . .“ 2 ).
Die äußerste Rechte des sozialen Protestantismus muß man im
Gegenteil in Deutschland suchen. Im Jahre 1878 gründeten die Pastoren
Stöcker und Todt die „christlich-soziale Arbeiterpartei“, deren An
hänger jedoch trotz ihres Namens hauptsächlich aus dem Mittelstände
stammten, und die in der Arbeiterklasse keinen Fuß fassen konnte, so
1 ) E. Gounelle, Le Mouvement des Fraternitfis (Broschüre).
2 ) Jos iah Strong, Direktor des Instituts für soziale Dienste (des sozialen Museums)
in New York gibt eine Zeitschrift heraus: The Gospel of the Kingdom (Das Evan
gelium Vom Reiche Gottes), in der erklärt wird: „daß es selbstverständlich ist, daß
die Welt nicht eher christianisiert werden kann, bevor nicht die Industrie christlich
geworden ist“, und deren Programm in der Untersuchung der wirtschaftlichen Tat
sachen im Lichte des Evangeliums besteht. So findet man z. B. über die Frage der
Arbeitslosigkeit die Stelle: Matth. 20, 6, und über die noch technischere Frage der
Berechtigung des „openor closed shop“ (d. h. über die Frage, ob die Fabrik nicht-
organisierte Arbeiter beschäftigen soll oder nicht) den 133. Psalm, Vers 1 und im
1. Brief an die Korinther, Kap. 12, Vers 16 und 26 angeführt.
Zu erwähnen ist auch das beredt geschriebene Buch von Rauschenbusch:
Christianity and the social crisis.
Der extremste leader dieser Bewegung in den Vereinigten Staaten war Herroto
dessen Auftreten einigen Lärm und Aufsehen verursachte; er predigte, daß man weit
über den Kollektivismus hinausgehen müsse, den er für „viel zu konservativ und sogar
für reaktionär halte“ — Und erklärte sogar, daß neben Christo Karl Marx nur ein ver
knöcherter Konservativer sei, denn: „die Annahme der Berechtigung des Eigentums
in irgendeiner Form, sei es auch nur für die Gebrauchsgegenstände, ist eine Verwerfung
Christi“. Indessen hat Herr Herron inzwischen dem christlichen Kommunismus den
Rücken gewandt; er hat während des Krieges eine kräftige Propaganda für das be
waffnete Eingreifen der Union entfaltet.
[Die Protestant Episcopal American Church hat eine großartige Organisation
für soziale Studien und Soziale Praxis ausgebaut; örtliche und provinziale Komitees,
ein Nationalkomitee, Kongresse, Publikationen usw. Ihr Programm ist nicht eigent
lich sozialistisch, sondern hat vielmehr die Absicht, „die sympathischen Beziehungen
zwischen Kapital und Arbeit“ zu ermutigen.] (Zusatz des Verf. zur 2. deutschen
Auflage.)