Waffengänge Osterreichs u. Preußens; Preußen europ. Großmacht. 825
Dieser Instinkt zum Herrschen aber wurde bei Friedrich
schöpferisch erst vermöge eines unerbittlichen Hanges zu
realistischer Anschauung der Welt. Er ist sein Glück und
Unglück gewesen: daher sein Idealismus, den er als aus der
Betrachtung der Dinge her im Tiefsten berechtigt erkannte —
und daher seine kritische Veranlagung, seine Neigung zum
Spott, und nicht weniges von jener erschütternden Verachtung
der Menschen, der race maudite, die sein Alter bedrückte.
Aber diese Eigenschaften wurden durch andere, fast ent—
gegengesetzte, gegengewogen. Friedrich gehörte zu den komplexen
Naturen; es schien, als ob alle heterogenen Eigenschaften seiner
Ahnen sich in seiner Bildung Stelldichein gegeben und zudem
noch mit den welfischen Eigenschaften seiner Mutter, milderem
Sinn, Sinn auch für die phantasievollen Seiten des Daseins,
verknüpft hätten.
Friedrich war sich dieses Zwiespalts seines Innern wohl
bewußt. Wenn seit den Zeiten des Individualismus Naturen
aufzutauchen beginnen, die der mittelalterlichen einheitlichen
Gebundenheit des Seelenlebens fern auf die Beobachtung ihrer
inneren Differenzen, auf eine Selbstbeobachtung peinlicher
Art gestellt sind: Naturen, wie es in Italien schon Kaiser
Friedrich II. und Dante waren: so hat Friedrich der Große
in Deutschland mit zu den frühesten Menschen dieser Art ganz
ausgesprochen und im reinsten Sinne gehört. Oder sollen wir
schon die religiösen Zwiespältigkeiten und Bedrängnisse eines
Luther zu den frühen Formen dieser Doppelausstattung rechnen?
Was Friedrich neben mehr realistischen Grundtrieben aus—
zeichnete, war ein außerordentlicher Empfindungsreichtum, aus
dem heraus er sich zur Heiterkeit nur durch das souveräne
Gefühl geistiger Überlegenheit über seine Umgebung — dies
Wort im weitesten Sinne genommen — emporschwang. Aber
selbst in den freundlichsten, ja in übermütigen Stunden blieb
ihm etwas von dieser Zartheit und diesem Überschwang der
Empfindung zugleich. So wird er uns im äußeren Verkehr
geschildert: sprudelnd von Witz und Laune, geschmackvoll und
gedankenreich, epigrammatisch und ironisch, voller unerwarteter