Nationales Geistesleben im 9. und 10. Jahrhundert. 175
Politische Gewalten blieben die Stämme auch noch im
ganzen Verlauf des 10. Jahrhunderts und weit darüber hinaus,
mochten auch bereits die Ottonen es mit Erfolg versuchen, die
anfangs noch selbständigen Herzöge zu sozusagen dynastischen
Beamten hinabzudrücken. Denn unter den Herzögen blühten
trotzdem die Landtage der Stämme noch lange in der vollen
Selbständigkeit altgermanischer Zeiten: wagte doch der sächsische
Landtag sogar seinem königlichen Herzog Otto noch zu wider—
sprechen. Auch die gesetzgeberische Freiheit ging den Stämmen
noch nicht verloren; wir besitzen ein fränkisches Sendrecht der
Wenden an Main und Rednitz wohl vom Jahre 939 und die
hairischen Gesetze von Ranshofen aus dem Ende des 10. Jahr—
hunderts. Erst im Laufe des 11. Jahrhunderts gerieten die
alten Volksrechte der Stämme in Vergessenheit — aber auch
dann blieben die Stämme noch Träger neuer Bildungen des
Gewohnheitsrechts so lange, daß sich sogar noch die Stadtrechte des
13. und 14. Jahrhunderts, obwohl sie gänzlich verändertem
Rechtsboden entwuchsen, dennoch nach der Zugehörigkeit zu be—
stimmten Stämmen unterschieden.
In der Verfassung freilich war um diese Zeit die unmittel—
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reits in den späteren Jahren der Ottonen wurde Lothringen
in zwei Herzogtümer geteilt, in Sachsen das Herzogtum der
Billunger geschaffen, das dem Stammesumfang nicht mehr ent⸗
sprach, endlich Kärnten, ein Kolonialland, zum Herzogtum er—⸗
hoben. Dem folgte unter Saliern und Staufern eine Fülle
weiterer Teilungen und Erhebungen kleinerer Herrschaften zu
herzoglicher Wurde: Herzogtum und Stammesgebiet entsprachen
sich seit dem Ausgang des 12. Jahrhunderts der Regel nach
nicht mehr. Für die Ausgestaltung des Kurfürstenkollegiums
in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, der wichtigsten
verfassungsmäßigen Neuschöpfung dieser Zeit, hat dann die
Rücksicht auf die Vertretung der Stämme nur noch mittelbar
Bedeutung gehabt.
So ist das 10. Jahrhundert die letzte und höchste Blütezeit
senes großen Abschnittes unserer nationalen Entwickelung, der