Nationales Geistesleben im 9. und o. Jahrhundert. 209
stummem Dulden suchten, das fanden die Männer zumeist in
der melancholischen Einsamkeit des Urwalds: kein Waldgebirg,
das nicht seine wunderlichen Heiligen genährt hätte. Da saßen
sie, ein Blidulf im Wasgenwald, ein Lambert in den Ardennen,
fern jedem Verkehr in unwegsamer Wildnis, dürftig, ja kaum
—DD
Psalmengesang durch das nächtliche Dunkel, und im Wettstreit
mit den Vögeln des ersten Sonnenstrahls lobten sie den Herrn
in der Höhe.
Aber wie die Weltflucht der Iren und Angelsachsen einst
umgeschlagen war in ungezügelten Wanderdrang, wie der früh—
mittelalterliche Mensch unter Fremden noch nicht minder allein
war als in der starrenden Ode des Urwalds, so bemächtigte
sich dieser Geister teilweise ein neuer, ungeordneter Wandertrieb:
der heilige Wolfgang, in Reichenau erzogen, in Würzburg und
Trier gesegnet thätig, dann Mönch zu Einsiedeln, ging als
Missionar nach Pannonien, von wo er nur ungern dem Gebot
zur Einnahme des festen Bischofssitzes zu Regensburg Folge
leistete; noch größere Wanderer waren der heilige Adalbert
von Prag, der heilige Brun von Querfurt, — und über die
heimischen frommen Reisen hinaus winkte schon gegen Ende
des 10. Jahrhunderts immer verlockender die große Fahrt ins
heilige Land zu den Stätten, da Gott gelitten.
Das alles waren Erscheinungen des religiösen Lebens von
einer Glut und einem überwallenden Einsatz nationalen Tempe—
ramentes, die den verfassungsmäßigen Leitern der Kirche früh
zu denken gaben. Erzbischof Brun von Köln, der Bruder des
großen Kaisers Otto, hat schließlich die Reklusen besonders
verschärfter Aufsicht unterworfen.
Ehe indes solche Maßregeln nötig wurden, hatte die Be—
wegung geregeltere Bahnen gefunden: sie war in eine gewaltige
Strömung umgeschlagen zu Gunsten der Reform des mönchischen
Lebens.
Nirgends faßte diese Richtung früher, inniger, reicher Fuß
als in Lothringen. Mancherlei Gründe trugen hierzu bei: die
Nähe Frankreichs, wo schon früher als in Deutschland Be—
Lamprecht, Deutsche Geschichte II. 24