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zu versorgen, nimmt man heute in leitenden Kreisen kaum an, wobei man die
Fähigkeit des Kaufmannes, mit den Kleinerzeugern in Beziehung treten zu
können, oft wesentlich in ihrer Bedeutung unterschätzt. Der freie Handel
würde in der jetzigen Zeit die Lebensmittelversorgung breiter Massen nicht
sichern können, weil er seine Waren nach der Kauffähigkeit der Einzelnen
verteilt. Bei Mangel an Ware ist eine gleichmäßige Verteilung des Notbedarfs
nur bei einigermaßen gleichem Einkommen denkbar. Die Personen mit hohen
Einkommen würden ihre Bedürfnisse möglichst vollständig zu befriedigen trach
ten und unter Umständen den Ärmeren nicht einmal den Notbedarf übrig
lassen. Diese Folge könnte selbst dann eintreten, wenn der Handel eine pro
duktionssteigernde Wirkung ausüben sollte, wie viele wohl nicht mit Unrecht
annehmen.
Die Kriegswirtschaft unserer Tage hat nun den Versuch gemacht, eine
gleichmäßigere Verteilung des Notbedarfes durch Rationierung und Höchst
preise, teilweise auch durch staatliche Bewirtschaftung durchzusetzen. Man
konnte das Geld nicht mehr wie früher beliebig verwenden ; seine Kaufbreite
wurde eingeschränkt.
Da nun Geld, weder auf dem innenstaatlichen Markte noch auf den^ Welt
märkte, die frühere Sicherheit gewährt, beliebige Waren zu kaufen, trachten
immer mehr Menschen darnach, sich statt Geld unmittelbar die erforderlichen
Waren zu beschaffen. So tritt allmählich der Tauschhandel an die Stelle des
Geldverkehrs. Möglich wird er dadurch, daß die staatlichen Bestimmungen
über die Innenwirtschaft nicht lückenlos wirksam sind, sondern teils unter Zu
stimmung der Behörden, teils gegen ihren Willen durchbrochen werden, wäh
rend im zwischenstaatlichen Verkehr die in Kompensationsverträgen bewillig
ten Ausnahmen von den Ausfuhrverboten, ganz abgesehen vom Schmuggel,
geradezu wesentliche Instrumente des internationalen Warenaustausches ge
worden sind. Nicht einmal ein so wohlorganisierter Staat wie Deutschland
vermochte zu verhindern, daß in vielen Gebieten die fleischlosen Wochen
wenig eingehalten werden, in zahlreichen Gastwirtschaften Lebensmittel ohne
Marken erhältlich sind, und ähnliche Erscheinungen mehr auftreten.
Aber selbst eine lückenlose Durchführung aller Maßnahmen, wie sie auch
der Aufruf des Ernährungsministers vorsieht, würde äußerstenfalls die gleich
mäßige Verteilung des Vorhandenen sichern, aber keine Gewähr dafür
bieten können, daß die Produktion ihr Maximum erreicht. Mit Straf
drohungen und Geldprämien ist das Auslangen nicht mehr zu finden. Daß
Geldprämien auf dem Lande vielfach versagen, ist sehr begreiflich. Wenn
einmal die Hypothekarschulden abgezahlt sind, sehen viele Bauern ihr Ziel
in einer Verringerung ihrer Plage. Aber selbst jene, welche noch weiter ihre
Lebenslage durch einen Mehrverbrauch verbessern wollen, trachten ihre Macht
über Gegenstände zur unmittelbaren Beschaffung des Benötigten zu verwenden.
Für Geld gibt ihnen die Gesamtheit das, was sie brauchen, entweder überhaupt
nicht oder zu sehr hohen Preisen. Der Staat, welcher für beschlagnahmtes
Getreide Geld auszahlt, sorgt eben nicht dafür, daß der Bauer auch Wagen
schmiere, Schuhe, Bindfaden, Stricke, Web waren und anderes erhalten kann.
Er verhält sich ihm gegenüber ähnlich wie gegenüber dem Arbeiter, dessen
Versorgung in die Hand zu nehmen er ablehnt, ihm Geld gebend, damit er
irgendwie sein Auskommen finde.
Die Verteilung der Lebensmittel, die Steigerung ihrer Erzeugung, alles
das hängt von der Verteilung der Machtmittel und der Art ihrer
Anwendung ab. Früher einmal war die Verteilung der Geldmacht ausschlag
gebend, heute ist es mehr die Verteilung der tauschbaren Gegenstände. Der
Bauer besitzt in den Lebensmitteln, die er in der Hand hat, eine gewisse Macht.
Da der Staat nicht beliebig große Mengen von Soldaten zur Requisition, diesem
geschäftigen Müßiggang, verwenden kann und mag, der gar oft nur dazu
dient, Menschen zu quälen und Ungerechtigkeiten auszuüben, ist doch z. B. ein
Bauer, welcher sein Getreide unterirdisch aufbewahrt, mächtiger als einer, der
es in Scheuern zur Schau stellen muß. Ein einzelner Arbeiter ist wesentlich
machtloser als ein Bauer, da er während eines Streiks von seiner Nah rungs-
quelle abgeschnitten werden kann, über welche der Bauer immer verfügt.