Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

218 Neuntes Buch. Drittes Kapitel. 
daß in derartige geistliche Stoffe die alte Kunst der fahrenden 
Spielleute eingeführt ward; der hieratische Ernst wich episch— 
nationaler Gestaltung. Die Geistlichen, ursprünglich die poe—⸗ 
tischen Bußprediger des Volkes, wurden damit zu seinen wohl⸗ 
wollenden Beratern und Lehrern in allerlei Weisheit, um so 
mehr, je mehr die schweren Jahre des Investiturstreits ver— 
hallten und Klerus und Volk sich zusammenfand in dem 
Verständnis weltlicher Angelegenheiten der zeitgenössischen 
Kultur und des Reiches. So treten denn neben Legenden, die 
schon halb im Tone der Spielmannspoesie abgefaßt sind, allerlei 
weltliche Stoffe, die in dichterischer Form elementares Wissen 
vermitteln, ja sogar eine kleine Prosalitteratur gleichen Inhalts 
wird entwickelt. 
Indes während der Klerus den dichterischen wie den Bil⸗ 
dungsinteressen der Nation gerecht zu werden suchte, drängte 
Frau Welt immer mehr auf den Alleinbesitz der geistigen Herr⸗ 
schaft; es ist die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der sich 
die Bildung des Ritterstandes und die Entwickelung neuer ge⸗ 
sellschaftlicher Ideale im halben Gegensatz zu den geistlichen 
anbahnt. Der Klerus kam mit seinen poetischen Bestrebungen 
in eine schiefe Stellung; mächtig drängte neben ihm der alte 
deldensang empor, der den neuen Anschauungen angemessner 
war, und die ersten Anfänge einer weltlich charakterisierten 
Minnepoesie schienen unabwendbar. 
In dieser Not haben einige Mitglieder des Klerus teils 
aus eignem Antrieb, teils durch hochstehende Fürsten veranlaßt, 
dem Andrang eines volkstümlichen Höhepunktes der Dichtung 
dadurch entgegenzuwirken gesucht, daß sie fremde Stoffe in 
deutsch-epischer Übertragung einführten. So übersetzte ein 
Priester Konrad im Dienste Heinrichs des Stolzen um 1130 
die Chanson de Roland, das führende Gedicht im Kreise der 
französischen Karlssagen, und ziemlich zu gleicher Zeit dichtete 
der mittelfränkische Pfaffe Lamprecht das französische Alexander— 
lied Alberichs von Besangon in freierer Weise in deutsche Verse 
um. Es waren die ersten Einführungen französischer Stoffe; 
zur Seite trat ihnen die älteste, noch vor der Mitte des
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.