Geistige Kultur der Stauferzeit. 219
12. Jahrhunderts abgeschlossene Form der deutschen Kaiser—
chronik, die in ausgesprochenem Gegensatz gegen den epischen
Volksgesang der Nation die reine geschichtliche Wahrheit zur
Ausrottung aller Fabeleien vermitteln wollte.
Vergebenes Bemühen! Wie im 14. Jahrhundert die
Kleriker in den Kanzleien durch Verweltlichung der Verwaltung
der reformatorischen Säcularisation der Bildung vorgearbeitet
haben, wie im 18. Jahrhundert die Pietisten die Gefühlspoesie
Klopstocks und nach ihr das Zeitalter Schillers und Goethes
vorbereiteten, so leiteten die letzten geistlichen Bestrebungen des
Klerus in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts nur hinüber
zu der Blütezeit volkstümlicher Dichtung um die Wende des
12. und 183. Jahrhunderts 1.
Ahnliche Vorgänge, wie in der Entwickelung der Dichtung,
scheinen sich auch auf dem Gebiete der bildenden Künste abge—
spielt zu haben. Am deutlichsten erhellt das beim jetzigen
Stande der Forschung schon auf dem Gebiete der Malerei.
Hier war die alte Gouachetechnik der Renaissance, der die herr⸗
lichen Miniaturen des 10. Jahrhunderts ihre Entstehung ver—⸗
danken, schon seit dem 11. Jahrhundert im vollsten Verfalle.
Am Rhein, wo die besten Schulen des 10. Jahrhunderts ge—
blüht hatten von der Reichenau bis hinab nach Köln, wird die
Produktion immer spärlicher; weiter östlich in Süd- und Mittel—
deutschland, wo man noch rüstig weiter arbeitet, verringert sich
der Wert der Schöpfungen. Die Maler knüpfen nicht mehr
unmittelbar an altchristliche Vorbilder an, wie ihre Vorgänger
zur Blütezeit der Renaissance; darum verroht Formensprache
und Technik. Und in die bisher abgeschlossenen Cyklen der
Darstellungen, sei es des Neuen Testamentes, sei es des Psalters
oder der Apokalypse, dringen immer mehr neue Motive ger—
manischen Charakters, ja ganze Scenen werden neu geschaffen
aus dem Triebe veränderter, national-deutscher Einbildungskraft.
Demgegenüber bietet dann die Tradition keinen Anhalt mehr;
1Gedanken Burdachs.