Geistige Kultur der Stauferzeit.
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uns anregend und poetisch sogar wirken: den Charakter aber
des vollendeten Kunstwerkes sucht man vergeblich. Wohl haben
einzelne höfische Bearbeiter der alten Sagen über eine außer⸗
ordentliche Kraft der Gestaltung verfügt, so namentlich der Um—
dichter der Gudrun: aber auch ihnen ist es nicht gelungen, die
alten Stoffe völlig im Sinne der neuen Kultur zu meistern.
Wie viel glücklicher begann dagegen die Entwickelung auf
lyrischem Gebiete! Hier ist es wirklich auf kurze Zeit gelungen,
unter Zuhilfenahme volkstümlicher Weisen eine höhere nationale
Poesie von keuscher Reinheit und völliger Geschlossenheit des
Stils zu entfalten.
Von jeher mag neben der chorischen Poesie der Urzeit
schon das Liebeslied bestanden haben als Naturlaut gleichsam
menschlich höchsten Empfindens. In den bäuerlichen Kreisen
des 12. Jahrhunderts können wir die älteste Überlieferung dieser
Poesie wohl am reinsten zu finden hoffen. Als Hauptgattungen
blühten hier das Tanzlied und das Liebeslied, namentlich soweit
es Ausdruck sehnenden Verlangens war. Ursprünglich wohl in
der Form der Stegreifdichtungen entstanden den Blumen gleich,
die der frische Sonnenstrahl des Lenzes überall aus der Au her⸗
vorlockt, wiesen diese Gattungen damals schon einen Schatz längst
errungener Formen und Weisen auf, und ihre hervorragendsten
Erzeugnisse mussen wir uns als ungemein verbreitet vorstellen.
So etwa das Spiel⸗(Tanz⸗)lied:
Swaz hie gat umbe
daz sint allez megede.
die wollent an man
alle disen sumer gan;
oder das bekannte Lied des Liebestriumphes
bin din, oder das sehnsüchtige
Ohume chum geselle min,
ich enbite harte din,
ich enbite harte din:
chume chum geselle win!
Lamprecht, Deutsche Geschichte III.
Du bist min, ich