Geistige Kultur der Stauferzeit.
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dem Walther sang 2ze Osterriche lernte ieh singen unde
agen, damals wie heute das Land frohen Lebensgenusses, aber
m 12. Jahrhundert zugleich das Land aufblühender, soeben
wurzelständig gewordener deutscher Kultur, das Durchgangsland
jener deutschen Volksmassen, die hoffnungsfreudig bald dem
Drient als Gottesstreiter zuströmten, bald den Ebenen Ungarns
als stille Eroberer und Pioniere deutscher Kultur!.
Aber diese Stufe höfischer Lyrik entbehrte der Verheißungen
langer Dauer. Das Verhältnis der Frau als werbenden,
sehnenden Teiles, worauf sie beruhte, ward in der Entwickelung
der ritterlichen Gesellschaft bald in das Gegenteil verkehrt?:
die Frau ward zur Herrin, der Ritter zum dienenden Vasallen.
8s geschah das anfangs freilich noch nicht in dem konventionellen
Sinne der französisch beeinflußten Zeit; die Frau war weit
davon entfernt, als unerreichbare Halbgöttin zu gelten, die
Minne in ihrem Dienst behielt einen stark sinnlichen Zug, sie
suchte und fand Erhörung, und dementsprechend rief sie eine
dyrik hervor, die sich knapp und klar auf Wirklichkeiten auf⸗
haute, Thatsachen der Empfindung schilderte und dem einzelnen
Dichter meist nur wenige Jahre des Gesanges, eine in sehnender
Wahrhaftigkeit durchlebte Liebes- und Jugendzeit, zumaß. Aus
diesen Voraussetzungen heraus hat neben anderen bairischen
Rittern namentlich ein Burggraf von Regensburg gedichtet. Er
zehörte, wie der spätere Rietenburger, einem altadligen Geschlecht
an; schon seit dem letzten Drittel des 10. Jahrhunderts war
dieses im Besitz des Grafenamtes; der Vater des Dichters war
Schwager des Historikers Otto von Freising, des Bischofs von
Passau, der Herzöge Leopold IV. und Heinrich II. von Hster⸗
reich; seine Gemahlin, eine Babenbergerin, war Enkelin Kaiser
Heinrichs IV. Man sieht: in dieser Form erstreckte sich die
oͤyrik in die höchsten Kreise des Volkes, soweit sie dem Süd—
osten angehörten.
Es isi die letzte Stufe rein national geborener Lyrik: schon
Vgl. unten S. 378 ff.
2 S. oben S. 182 f.