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Neuntes Buch. Drittes Kapitel.
duzer rosenvarwer munt,
chum unt mache mich gesunt;
ehum unt mache mich gesunt
suzer rosenvarwer munt!
Man sieht, es ist eine Lyrik von ebensoviel Gemütstiefe
wie Leidenschaft und gelegentlich überlegenem Humor; dabei
sind die Formen von einfachster Art, die Verse kunstlos, wenn⸗
gleich im höchsten Maße musikalisch, das Metrum, außer etwa
bei Tanzliedern, niemals verwickelt.
Die erwachende ritterliche Kultur hat diese Lyrik nicht ohne
weiteres aufgenommen oder fortgesetzt: erst in ihren Späãtzeiten
läßt sich ein unmittelbarer Einfluß wahrnehmen. Aber sie hat
anfangs noch das Verhältnis der Liebenden, wie es die bäuer⸗
liche Kultur kannte, beibehalten — nicht der Mann, sondern das
Mädchen, die Frau ist die Werbende — und sie hat sich zum
Ausdruck sehnender Liebe vielleicht einer epischen Form des
einheimischen Heldensangs bedient. Es sind Anfänge ähnlich
denen der ältesten uns bekannten germanischen, der angel⸗
ächsischen Lyrik: auch hier spricht sich lyrisch⸗elegische Stimmung
in episch geformten Monologen aus. Während aber hier sich die
berschiedensten typischen Personen des Volkslebens lyrischer Em—
pfindung hingeben, der Recke, der Seefahrer, der Wanderer, er⸗
zählen die ältesten epischen Ergüsse der deutsch-⸗ritterlichen Zeit,
wie sie in der Strophe des Nibelungenliedes unter dem Namen
des Kürnbergers überliefert sind, fast nur von den Gefühlen
der Frau. Da steht die Frau wohl auf weiter Heide, einsam,
des Geliebten harrend, dem entgegen fie einen Falken fliegen
sieht: so wol dir valke, daz du bist! Es ist eine Lyrik, die
nicht reflektiert und analysiert; episch ist noch die Einkleidung
ihrer Empfindungen, episch der Ton, und in den typischen
Formen des Heldensangs bewegt sie sich selbst dann noch, wenn
die ursprüngliche erzählende Einkleidung gefallen ist und die
Frau sich ohne sie in unmittelbarer Anrede an den Geliebten
wendet.
Die Heimat dieser Poesie, wie sie wohl um die Mitte des
2. Jahrhunderts erblühte, ist Osterreich — jenes Osterreich, von