Die Ordnung der Gefühle. Die Bedürfnisse. 28
nach Flora und Fauna bietet, die eigene Arbeit und die der Mitmenschen, die ganzen
Jesellschaftlichen Einrichtungen reichen die Mittel dar, die historisch, ethnographisch und
individuell verschieden gearteten Gefühlsreize immer wieder aͤbzustumpfen. Als Bedürfnis
hezeichnen wir jede mit einer gewissen Regelmäßigkeit und Dringlichkeit auftretende
gewohnheitsmäßige, aus unserem Seelen⸗ und Körperleben entspringende Notwendigkeit,
durch irgend eine Berührung mit der Außenwelt unsere Unlust zu bannen, unsere Lust
zu mehren. Die materiellen oder ideellen Objekte, die wir benutzen, ge- oder verbrauchen,
die Verhältnisse, die ein bestimmtes Verhalten oder Thun ermöglichen, nennen wir
ebenfalls Bedürfnis. Der Wein, der Mittagsschlaf, das Rauchen, der Opernbesuch sind
it odece anderen Bedürfnis, heißt so viel wie, ich bedarf ihrer, um einem Unbehagen
auszuweichen. Der ganze Umkreis menschlicher Gefühle, der niedrigen wie der höheren,
erzeugt so Bedürfnisse. Der Mensch hat sinnliche, ästhetische, intellektuelle, moralische
Bedürfnisse. Aber mit Vorliebe gebraucht unsere Sprache das Wort für die Notwendig—
keit, durch den wirtschaftlichen Apparat von Gütern und Diensten den niedrigen wie den
höheren Gefühlen die gewohnte Funktion zu verschaffen. Die Bedürfnisbefriedigung, hat
nan darum gesagt, ist das Ziel aller Wirtschaft; die Bedürfnisse hat man als den
Ausgangspuntt alles wirtschaftlichen Handelns und aller wirtschaftlichen Produktion
hingestellt, was ganz richtig ist, wenn man das Wort Bedürfnis in diesem engeren
Sinne nimmt. Tenn im weiteren Sinne ist Bedürfnisbefriedigung der Zweck alles
menschlichen Handelns, nicht bloß des wirtschaftlichen, denn zu allem Handeln geben
dust⸗ und Unlustgefühle und die Erinnerung an sie den Anstoß.
Man hat in der bisherigen Nationalökonomie die Bedürfnisse in leibliche und
geistige, in Ratur-, Anstands- und Luxusbedürfnisse, in Existenze und Kulturbedürfnisse,
eividuelle und Gemein- oder Kollektivbedürfnifse eingeteilt. Man hat ihre Er—
zrterung in der Regel an die Spitze aller theoretischen Betrachtung gestellt, oft auch bei
der Erdrterung der Nachfrage, der Haushaltungsbudgets, der Konfumtion, der socialen
Fragen das Wesentliche über sie gesagt.
Es will mir scheinen, daß mit der bloßen Einteilung der Bedürfnisse in einige
Qategorien nicht viel gewonnen gewesen sei; die Scheidung von individuellen und
Gemeinbedürfnissen, wie sie Sax und A. Wagner vornahmen, hatte den theoretischen
Zweck, gleichsam ein Fundament der wirtschaftlichen Gemeinde- und Staatsthätigkeit zu
schaffen Aber es ist für sie doch wenig gewonnen und bewiesen, wenn man der Armee
oder dem Eisenbahubau die Etikette des Gemeinbedürfnisses aufklebt; es handelt sich
doch um den Nachweis, daß die Tausende und Millionen das Bedürinis des militärischen
Schutzes und des Verkehrs erst individuell fühlen, daß dann hieraus eine Kollektivströmung
erwachse, und die rechten Staatsorgane hiefür vorhanden seien, welche die Sache in die
Hand nehmen, die Widerstrebenden überzeugen oder zwingen, daß so große historifch—
politische Prozesse gewisse wirtschaftliche Funktionen in die Hand öffentlicher Organe legen.
Am meisten scheint mir die Lehre von den Bedürfniffen durch die historische Untersuchung
des Luxus, wie sie Roscher und Baudrillart anstellen, und ähnliche kulturgeschichtliche
—D die Versuche von Bentham, Jevons
und anderen, von mathematisch⸗mechanischem Standpunkte aus die Lust- und Schmerz—
zefühle einer Messung zu unterwerfen, die Bedürfnisse zu begründen auf ein Rechen—
erempel des Maximums an Lust und des Minimums an Unlust, uns wohl in einzelnen
Hunkten, so weit sie auf empirisch-historischer Grundlage, auf Beobachtung des praktischen
Seelenlebens beruhen, gefördert, aber doch überwiegend zu Gemeinplätzen geführt haben.
Nur füͤr die Wertlehre haben sich die Unterscheidungen von Jevons und der österreichischen
Schule teilweise als fruͤchtbar erwiesen, weil es sich nicht sowohl um die Bemessung der
Gefühle und Bedürfnisse, als um die Bemessung der Brauchbarkeit der Güter nach ver—
schiedenen Gesichtspunkten hin in diesen Untersuchungen handelte. Wir kommen bei der
Wertlehre und der Nachfrage darauf zurück.
Da wir auch auf andere specielle Ergebnisse der Bedürfnisentwickelung besser im
Zusammenhang der einzelnen volkswirtschastlichen Fragen eingehen, so handelt es sich
hier nur um ein allgemeines Wort über Wesen und Entwickelung der Bedürfnisse; wir