116 Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
mehr anzusehen als Forderungen der christlichen Religion.
Das Schlagwort von der göttlichen Gerechtigkeit als des In—
begriffs aller Programme, die man nicht zu erbitten, sondern
zu heischen habe, flog von Mund zu Munde. All die kleinen
Beschwerden des Zinsbauern, die Thränen Enterbter, die groben
Ansprüche der städtischen Proletariers, der industrielle Ehrgeiz
des Gesellen, die leisen Bitten des Bettlers, die stillen Wünsche
des Patrioten nach einem wahrhaft monarchischen Regiment,
nach Friede im Innern, nach äußerem Ansehen — sie fanden
ihr Spiegelbild, ihre anscheinend notwendige Erfüllung bald in
dem einen großen Worte, in der Forderung nach der Gerechtig⸗
keit Gottes. Der Punkt war gefunden, von dem aus alle
Hebel angesetzt werden konnten, in den alle Wünsche zusammen—
liefen, dessen Durchführung einem verzückten/ Fanatismus das
Ideal menschlichen Daseins versprach. Von der göttlichen
Gerechtigkeit sprachen die Gebildeten und die Ungebildeten,
sprach Reich und Arm, wenn politische und soziale Wünsche
formuliert wurden; und schon im oberrheinischen Aufstand des
Jahres 1502 lautete die Inschrift des aufgeworfenen Fähnleins:
Nichts, denn die Gerechtigkeit Gottes!
So waren die Zeiten erfüllt; die Revolution harrte des
Anbruchs.