Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

122 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
So begannen die vervielfältigenden Künste, neben dem Holz- 
schnitt auch der Kupferstich, eine für die Bildung der Nation 
bis dahin unerhörte Rolle zu spielen!. Und gleichzeitig be— 
mächtigte sich der Druck, der anfangs vornehmlich der religiösen 
Litteratur und der Wiedergabe der geistigen Schätze der Vorzeit 
gedient hatte, der leichten Interessen der Gegenwart; was man 
sich bisher in Briefen persönlich mitgeteilt hatte über die Läufe 
der Welt, über den Gang der Geschäfte, über neue Erfahrungen 
und Aussichten, das alles begann jetzt das Flugblatt, die 
zelegentlich ausgegebene „Zeitung“ zur Kenntnis jedes einiger— 
maßen Gebildeten in die Welt zu rufen; die erste Zeitung 
vom Jahre 1505 bringt schon Nachrichten über Brasilien. 
Es ist schwer sich vollständig vorzustellen, welch außer⸗ 
ordentliche Umwälzung alle diese Vorgänge in den Köpfen des 
ausgehenden 15. Jahrhunderts verursacht haben müssen. Ein 
schwacher Nachhall des wirklichen Eindrucks tönt noch wider 
in einigen Worten Wimphelings, eines Angehörigen etwa der 
zweiten Generation nach Gutenberg: „Auf keine Erfindung 
oder Geistesfrucht können wir Deutsche so stolz sein, als auf 
die des Buchdrucks, die uns zu neuen geistigen Trägern der 
Lehren des Christentums, aller göttlichen und irdischen Wissen— 
schaft, und dadurch zu Wohlthätern der ganzen Menschheit er— 
hoben hat. Welch ein anderes Leben regt sich jetzt in allen 
Ständen des Volkes; und wer wollte nicht dankbar der ersten 
Begründer und Förderer dieser Kunst gedenken.“ 
Die größte Wirkung aber that diese außerordentliche An— 
fachung des geistigen Produktions- und Konsumtionsprozesses 
naturgemäß bei dem individuell am meisten fortgeschrittenen 
Stande, beim höheren Bürgertum. Hier fallen jetzt die bisher 
wehrenden Schranken, der gebunden genossenschaftliche Charakter 
der alten Geselligkeit verliert sich; ein freier geistiger Austausch 
Ries, Quellenstudien zu Th. Murners satirisch-didaktischen Dich— 
tungen J, Diss. Bresl. 1890, weist nach, daß fast die Hälfte der Kapitel 
der Narrenbeschwörung ihre Entstehung den Holzschnitten in Brants 
Narrenschiff verdankt.
	        
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