Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 121
stätten mit Herstellung besonders beliebter Werke befaßten.
Die Sache war schon weit hinaus über den mittelalterlichen
Zunftbetrieb in die Form des modernen Unternehmens
hinein entwickelt, als Gutenberg, wohl schon Ende der
dreißiger Jahre des 15. Jahrhunderts, die gegossene Type
erfand, deren Zusammenstellung den mechanischen Druck ge—
stattete. Anfangs als Geheimnis gewahrt, doch bald praktisch
ins Große getrieben und darum nicht mehr geheim zu halten,
wanderte die neue Kunst in alle Welt; noch vor Ende des
Jahrhunderts befanden sich Buchdruckerpressen in allen civili—
sierten Ländern hin bis zum fernen Portugal.
Es war ein Aufschwung im geistigen Leben nicht anders,
als der Übergang von der Tauschwirtschaft zur Geldwirtschaft
im materiellen. Rede und geschriebenes Wort, bisher nur
mühsam fortpflanzbar, auf keine rasch erwerbliche mechanische
Vermittlung reduziert, wurden jetzt allgemein zugänglich gleich
der rollenden Münze; ja mehr noch: sie galten nicht mehr als
Privileg der Reichen, sondern wurden zu freiem Gute fast wie
Licht, Luft und Wasser. Denn mit der unbegrenzten Verviel—
fältigung aller geistigen Schätze wuchs zugleich die Neigung
derer, die Bücher besaßen, sie dem freien Gebrauche aller Ver—
ständigen zugänglich zu machen; außerordentlich freigebig war
man im Ausleihen, und schon bestanden hier und da öffentliche
Lesezimmer, in denen die Bücher, wenn auch noch an Ketten
iegend, der Einsicht der Sachkenner offen lagen.
Und selbst damit nicht genug. Rasch wirkte das demo—
kratisch-fabrikmäßige Element der neuen Erfindung weiter.
Das Plakat kam auf, das sich grundsätzlich an alle wendet,
daneben die Flugschrift, der Traktat, das Pamphlet. Und
für die, welche noch nicht lesen konnten, traten ergänzend
die polygraphischen Künste ein. Nicht bloß für Prachtdrucke
wurde in Holz geschnitten, wie man früher für Prachthand⸗
schriften gezeichnet hatte; neben die alten Blockbücher, die Ars
moriendi, die Biblia pauperum stellte sich jetzt das mit Holz—
schnitt und wenigen gedruckten Erklärungen versehene Einblatt
zu Spott und Satire, zu politischer und kirchlicher Einwirkung.