Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. 131 
dieser Weise Reisepraxis und geographische Wissenschaft ein⸗ 
schlagen, läßt sich noch viel deutlicher auf dem Gebiete der 
ästhetischen Anschauungen verfolgen. Hier hatte das Mittel— 
alter, wie gesagt, nur den Sinn für die zunächst ornamentale, 
dann konventionelle Wiedergabe der landschaftlichen Einzelheiten 
entwickelt. Und hierbei blieb es auch noch durch fast das 
ganze 14. Jahrhundert. Aber die Einzelheiten wurden zu— 
sehends natürlicher wiedergegeben. Die Pilzbäume der früheren 
Qunst entwickelten grüne, wenn auch noch viel zu große Blätter, 
die Tiere erhielten ihre natürlichen Farben, die Blumen 
wurden in Rosenhagen und Wiesenplänen zwar im Verhältnis 
zur Umgebung zu groß und darum in aufdringlichen Einzel— 
ꝛxemplaren, aber im übrigen naturgemäß gebildet. 
Und schon ging man darüber hinaus aufs Ganze. Vor 
allem handelte es sich hier darum, die Linearperspektive, deren 
wissenschaftliche Wiederentdeckung im 18. Jahrhundert ohne 
Einfluß auf die Kunst geblieben war, empirisch zu gewinnen. 
Die ersten Versuche hierzu setzten schon um die Mitte des 
14. Jahrhunderts ein; man beschäftigte sich namentlich mit dem 
Problem, Architektur und menschliche Staffage eines Bildes in 
das richtige Größenverhältnis zur Landschaft zu bringen. Das 
führte ohne weiteres zu der Nötigung, landschaftliche Tiefe zu 
zewinnen, und damit zu der ersten dunklen Ahnung von den 
drei Gründen: schon in den Bildern der Schule des Meisters 
Wilhelm sind andeutungsweise Vorder-, Mittel- und Hinter— 
grund vorhanden. Wie aber konnten sie ausgebildet werden, 
ohne die wichtigsten Fragen der Luftperspektive in Angriff zu 
nehmen? Nach dieser Seite hin geht das Suchen und Streben 
eit den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts. Erreicht wird frei— 
lich einstweilen auch in den am meisten fortgeschrittenen Fällen 
nur soviel, daß einem dunklen Vordergrund der Regel nach, 
falls er überhaupt vorhanden ist, ein lichter Mittelgrund folgt, 
und diesem meist ganz unvermittelt ein in allen Tönen des 
Ultramarin regenschwer blauender Hintergrund. Dabei er— 
scheint die Landschaft noch immer aus Einzelheiten zusammen— 
gesetzt, für deren Aneinandersein nicht von dem naturalistischen 
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