Full text : Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Entwicklung der individnalistischen Gesellschaft. 133

Fortschritt war mithin nur von der Vedute zu erwarten. Auf
diesem Gebiete wie auf so vielen anderen ward Dürer zum
Führer. Er ist fast der Erste gewesen, der in Deutschland
Veduten gemalt hat; er vor allen anderen wandte sich in
Sachen landschaftlicher Anschauung unmittelbar fragend an die
Natur. Freilich: die befriedigendste der uns heute zugänglichen
Antworten hat er noch nicht erhalten. Er hielt auch in der
Vedute fest an dem die Dinge isolierenden, zeichnerischen
Charakter seiner sonstigen Malweise; und darum sah er künst—
lerisch die Landschaft so wenig als wirkliches Ganze, wie seine
Zeitgenossen sonst. Erst Ruisdael und unter den Franzosen
Claude Lorrain haben der Landschaft als etwas völlig Einheit—
lichem gegenübergestanden; erst sie verstanden daher auch, sie
zu beseelen und den Beginu einer wirklichen Blüte der Stim—
mungslandschaft zu schaffen.
Indes liegt in der eigenartigen Malweise Dürers keineswegs
die unmittelbar tiefste Ursache vor, die ihn zu dem uns geläufigen
landschaftlichen Verständnis vorzudringen verhinderte. Seine Zeit
war geistig dazu überhaupt noch nicht reif. Eine volle Wiedergabe
des Landschaftlichen wird erst dann gelingen, wenn sich der Mensch
zanz außer der Natur zu setzen imstande ist, wenn er eines naiven
Verhältnisses zu ihr schon bis zu hohem Grade entwöhnt, wenn
er ihr entfremdet ist. Diese Zeit tritt für die deutsche Ent—
wicklung erst mit dem Erblühen der Naturwissenschaften ein, also
frühestens erst mit dem 17. Jahrhundert. Und erst das 18. Jahr—
hundert, das der Natur auch gesellschaftlich noch ferner stand,
sah seit Rousseau und den Stürmern und Drängern die wirklich
„harmonische Verknüpfung der Darstellung der Natur mit dem
Ausdruck der angeregten Empfindung“.
Wie auf dem Gebiete der Natur, so fehlte es dem Zeitalter
des 15. und 16. Jahrhunderts auch auf dem Gebiete der Menschen—
welt noch an der Fähigkeit der uns realistisch erscheinenden Er—
fassung des Ganzen. Das Sittenbild ist als Zweig der Malerei
noch nicht entwickelt, so sehr man kleine Anfänge dazu in den
Teppichwirkereien und Drolerien des 14. Jahrhunderts wie in
der genrehaften Ausweitung gewisser heiliger Scenen des
            
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