132 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Verschwimmen der Gegenstände in der Ferne Gebrauch gemacht
ist; sie erscheinen in festem Umriß, zeichnerisch abgeschlossen,
zleichsam mit dem Auge des Adlers gesehen und unvermittelt
nebeneinander aufgebaut, und ihre Form ist noch völlig kon—
oentionell, soweit der orographische und pflanzengeographische
Charakter in Frage kommt.
Aber gleichwohl: auch mit diesen Einzelheiten ließ sich
unter Umständen das Ganze schon trefflich charakterisieren, so
wie etwa Goethe in seinem bekanntesten Mignonliede Italien
mit einigen Einzelzügen wunderbar gezeichnet hat; und vor
allem: die Landschaft als Ganzes war da. Sie eroberte sich
jetzt den Hintergrund der Heiligenbilder an Stelle der bisher
abschließenden schwerfallenden brokatnen Teppiche; hinter den
Gestalten des Vordergrundes her, durch die Hallen der Archi—
tektur, durch weit geöffnete Fenster der Innenräume begann
man nun in heitere Landschaften von entzückender Fernsicht zu
schauen, vornehmlich bei den Niederländern, die nicht müde wurden,
ihre Haage und ihre Kanäle, ihre Wiesen und viehbelebten
Weiden mit derselben Schaffensfreude vorzuführen, wie etwa
die verwandten Florentiner und Umbrier Italiens die Land—
schaft ihrer sonnendurchleuchteten, friedeumwobenen Hügel.
Und schon suchte man diesen Landschaften Stimmung
zu geben; sie sollten in besonderer Disposition sprechen.
Schneelandschaften tauchen auf, Nachtstücke mit koloristischen
Effekten werden, z. B. bei der Kreuzigung, gesucht, auch Mond—
scheinlandschaften fehlen nicht, wie in den prächtigen Dar—
stellungen des h. Christohh von Memlinc zu Brügge und
Bouts zu München.
Allein was man hier giebt, bleibt noch mehr konventionell,
wie die sonnige Landschaft der gewöhnlichen Darstellung. Die
Perspektive entbehrt der realistischen Durchbildung; die Gründe
sind schematisch; die Einzelheiten drängen sich in Formen auf,
die teilweis noch dem Darstellungsapparat älterer Zeiten an—
zehören.
Weiter führen konnte hier nur genauere Naturbeobachtung
and engster Anschluß an das Thatsächliche der Landschaft; ein