Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

134 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel. 
15. Jahrhunderts erkennen mag. Erst die holländische Malerei 
des fortgeschrittenen 16. Jahrhunderts schafft, vielfach eben 
aus der niederländischen Gesellschaft heraus, das volle Sittenbild, 
und indem sie Portrait und Landschaft neben das Genre stellt, 
feiert sie recht eigentlich den Triumph der neuen malerischen 
Errungenschaften des 16. Jahrhunderts. Demgegenüber bleibt 
die Kenntnis der Menschenwelt, soweit sie auf dem Gebiete 
wissenschaftlichen Verständnisses liegt, noch weiter zurück. Freilich 
ist man sich schon darüber klar, in einem Staate und in einer 
hestimmten Gesellschaft zu leben; aber wie weit entfernt ist 
man noch von dem Bestreben, die Struktur dieser Gemeinschaften 
zu verstehen! Man geht nicht darüber hinaus, Einzelheiten der 
großen Zusammenhänge dem Denken zu unterwerfen, und so 
zrörtert man diese oder jene staatsrechtliche Unterfrage, reflektiert 
wohl auch über Besonderheiten der Bevölkerungspolitik, über 
einige Bedingungen landwirtschaftlichen Gedeihens oder über 
das Steigen der Preise — aber von einer systematischen Auf— 
klärung wirtschaftlicher oder sozialer Grundwahrheiten auf stati— 
stischem oder sonst empirischem Wege, oder von dem Aufbau etwa 
eines Reichs- oder Landesstaatsrechts ist noch mit nichten die Rede. 
Das Einzige, was gewonnen wird, ist ein weitverbreitetes 
und vielfach enthusiastisch gewandtes Verständnis der nationalen 
Einheit. Es ist eine der natürlichsten Folgen der emporkommenden 
Zeit des Individualismus. Jemehr die Personen sich nach Art 
und Neigung differenzieren, um so mehr muß ihr gemeinsamer 
Zusammenhang, der allein diese Differenzierung gestattet, auch 
zußerlich kräftig betont werden, um so mehr muß an Stelle 
des früheren, immanenten, unbewußten Nationalitätsgefühls, das 
auf der Gleichartigkeit der nationalen Individuen beruhte, ein 
klar verstandenes, äußerlich kundgegebenes Bewußtsein der Not⸗ 
wendigkeit nationaler Zusammenhänge grade wegen der Ver— 
schiedenheit der Individuen treten. Dies Bewußtsein war im 
Beginn des 16. Jahrhunderts schon so weit entwickelt, daß es 
von Dichtern und Gelehrten energisch hervorgehoben ward, und 
daß auch schon die Geschichtsschreibung, selbst in partikularen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.