136 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
Tilman Elhen von Wolfhagen ist längst überholt, mögen auch
immerhin in Gelehrtenbiographieen und humanistischen Lob—
sprüchen starke Reste konventioneller Schilderung fortleben. Im
ganzen erreicht man da, wo man sich ganz der Empirie naturalistischer
Beobachtung hingiebt, schon eine bedeutende Tiefe des Verständ—
nisses, der höchstens hier und da durch die Anschauung von der
göttlichen oder teuflischen Beeinflussung der Charaktere in ihren
Eigenschaften oder durch astrologische Voreingenommenheit oder
endlich durch die Lehre von den Temperamenten Eintrag geschieht.
Da weiß man vor allem das Äußere, oft mit nur zwei Worten,
aufs klarste und anschaulichste zu schildern; da verobjektiviert
man aber auch treffend und oft künstlerisch fein den inneren
Reichtum einer Persönlichkeit; wo der Wille zur Erkenntnis stark
ist, da gelingt sie. Es ist ein Zug des Empirisch-Persönlichen,
der sich auch in der schönen Litteratur bemerkbar macht. In
der Satire werden ihm die schon nicht mehr sozialen, sondern
psychologisch- individuellen Typen Sebastian Brants verdankt;
in der dichterischgebundenen Formgebung wird er geltend in der
Erscheinung, daß alles im Stofflichen aufgeht, daß man den Dingen
auf den Leib rückt unter Vernachlässigung des formal Schönen in
Disposition und Versbau, ja daß man teilweis den neuen Inhalt
individualen Erkennens in die alten Schläuche der kowentionellen
Darstellungsformen des 14. Jahrhunderts zu füllen versucht.
Kann nun ein Zeitalter, das dem Individualen in
jeder Art des Verständnisses so nahe trat, ohne wirkliche
Individuen gewesen sein? Sie waren vorhanden, und eben in
ihrem Dasein drückt sich das höchste geistige Ergebnis der
ruhelosen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der späteren
Jahrhunderte des Mittelalters namentlich auf städtischem Boden
unmittelbar und kräftig aus.
Und kräftig und unmittelbar machten die Individuen sich
bemerklich. Die Pflege, ja der Kultus der eigenen Persönlichkeit
war an der Tagesordnung. Ruhmessucht erfüllte die Welt und
blähte sich auf bis zu der maßlosen Eitelkeit der Humanisten.
Aber selbst bescheidene Bürger wünschten durch monumentale
Schöpfungen oder fromme Stiftungen fortzuleben im Gedächtnis