138 Vierzehntes Buch. Drittes Kapitel.
wurde sie individualisiert; aus den feinen Tuchen von Frankreich,
der Grafschaft Artois, der Picardie und von Brabant, aus
Seide und Damast, Brokat und Schleiertuch, aus Leder und
Pelzwerk wurde eine unendliche Verschiedenheit der Hut—
formen, der Fußbekleidung, der Wämser, Röcke und Mäntel
hergestellt, die jedem gestattete, sich persönlich im vorteil⸗
haftesten Lichte zu zeigen. Und mit welchem Feuer ergriffen
Männlein und Weiblein die Gelegenheit; es ist ein ewiges Auf
und Ab von den burgundischen Meterhauben des 15. bis zu
den vierzig Ellen Zeug fassenden Hosen des 16. Jahrhunderts.
Und nicht bloß Gecken ließen sich in diesen Strudel ziehen;
Dürer ist in jungen Jahren einer der elegantesten Stutzer
Nürnbergs gewesen und hat auch später viel Wert auf sein
bersönliches Außere gelegt.
Freilich wurden gegenüber dem Modetaumel Versuche
einer Gegenwirkung gemacht. Sie gingen von den Klassen aus,
die sich materiell zunächst weniger imstande sahen, mit dem
Strom zu schwimmen, vor allem vom Adel. Es war vergebens.
Und auch die Gesetzgebung, wie sie von den Fürsten gegen den
allzu üppigen Bürger und seinen bäuerlichen Nachbeter auf⸗
zeboten ward, fruchtete schließlich wenig, — um so weniger, je
veiter sie zum Schlage ausholte. Selbst das Reich machte
aicht bessere Erfahrungen. Gesetzliche Einzelbestimmungen von
Reichswegen, wie sie seit 1497 ergingen, wurden überhört; die
arganischen Reichsgesetze gegen Kleider- und sonstigen Luxus
von 1530 und 1548 ergingen zu einer Zeit, da der Aufwand der
Feste und der Kultus des äußeren Menschen grade den höchsten
Punkt erreichte; im Jahre 1556 ist Eichhorns Schrift vom
Hosenteufel erschienen.
Aber neben diesem breiten Gewoge äußerlichster Erfassung
der neuen Kultur zogen doch auch in weiten Kreisen Strömungen
einher, die schon früh auf eine tiefere Auffassung der errungenen
Persönlichkeit hinausliefen. In den Städten erwachte bereits
im 15. Jahrhundert der Sinn für edleren Lebensgenuß, für
Dichtung und Kunst, für Wissenschaft und Lehre als die geistig
gestaltenden Mächte der Einzelperson; und es erblühte die kräftige