Entwicklung der individualistischen Gesellschaft. 139
Blume der künstlerischen und geistigen Entwicklung der Renaissance
und des Humanismus. Die Fürsten aber folgten langsam auf
diesem Wege; ein Hof nach dem andern ward den sittlichen
und geistigen Mächten eines persönlichen Daseins gewonnen.
Und darüber hinaus brachten es einzelne Lebenskünstler sogar
zu einer nichts übersehenden, nach jeder Richtung ausholenden
Pflege ihrer geistigen Persönlichkeit. Zwar giebt es deren
keineswegs so viele wie innerhalb der verwandten Entwick—
lung Italiens; aber immerhin wird man einem Leon Battista
Alberti und Lionardo da Vinci doch Peutinger, Pirckheimer
oder Dürer entgegenstellen können. All diese Männer sind nicht
mehr einfache mittelalterliche Polyhistoren; die Hauptsache ist
bielmehr, daß sie vom Kern einer festen Lebensanschauung als
von einem persönlichen Centrum aus die noch nahe beisammen⸗
iegenden Zweige des Wissens und gelegentlich auch noch das
Gebiet der bildenden Künste beherrschen. So sind sie vollendete
Mikrokosmen gleichsam der Kultur ihrer Zeit, beneidenswerte
Träger einer harmonischen, auf Grund der kampfumtobten Er—
rungenschaften der Vorzeit vorwärtsschreitenden Entwicklung.
III.
Es wäre indes ein großer Irrtum, wollte man annehmen,
die individualistische Kultur sei nun alsbald abgeschlossen, in
vollstem Gegensatz zu allem Vergangenen ins Leben getreten.
Die Überlieferung wirkte vielmehr neben ihr mit großer Kraft
fort, sie beanspruchte auch fürderhin die Annahme dessen, was
ihr für Wahrheit galt, und nur in mühseligem Kampf und
Ausgleich zwischen Altem und Neuem fanden die Zeitgenossen
den Weg der Zukunft.
Wie lange dauerte es vor allem auf dem Gebiete der
Sitte, ehe die alten religiös-gebundenen Formen der Sittlich⸗
keit dem Zwang eines persönlich-gewandten Ehr- und Mensch⸗
lichkeitsgefühls wichen! Noch manche Generationen folgten hier
aufeinander, gebettet in die eingelebten, nur langsam alternden
Lebensformen der mittelalterlichen Familie und der mittelalter—