Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 337 
IV. 
Nach den letzten Aufständen im Schwäbischen und in den 
südöstlichen Alpengegenden, von denen wir früher gehört!, 
hatte die Gärung unter den Bauern überall fortgedauert. 
Agitatoren zogen umher und sprachen auf Kirchweihen und 
Märkten, zur Hochzeit und in der Schenke, und fast nie wurden 
die Obrigkeiten ihrer habhaft. Und meisterhaft redeten sie in den 
bittern Lauten einer über ein Jahrhundert alten Bedrängnis. 
„Hilf Gott,“ heißt es in einem Flugblatt?, „wo ist doch des 
Jammers je erhört worden? Sie schätzen und reißen den 
Armen das Mark aus den Beinen .... Dazu müssen wir 
Armen ihnen steuern, Zinsen und Gült geben, und soll der 
Arme nichts minder weder Brot, Salz noch Schmalz daheim 
haben mitsamt ihren Weibern und kleinen unerzogenen Kindern. 
Wo bleiben hie die mit ihrem Handlehen und Hauptrecht? Ja, 
verflucht sei ihr Schandleben und Raubrecht .... Hat ihnen 
Gott solche Gewalt gegeben, in welchem Kappenzipfel steht das 
doch geschrieben? Ja, ihre Gewalt ist von Gott, aber doch so 
fern, daß sie des Teufels Söldner sind und Satanas ihr 
Hauptmann!“ Und längst schon hatten es die Agitatoren zu 
Schlagwörtern und Phrasen, ja zu denknotwendig erscheinenden 
Ideen-Assoziationen gebracht. „Wer im 1528. Jahr nicht 
stirbt, im 1524. nicht im Wasser verdirbt und 1525 nicht wird 
erschlagen, der mag wohl von Wundern sagen“s, hieß es Land 
auf Land ab; und die für das Jahr 1524 prophezeiten großen 
Wasserflüsse verwandelten sich in der Anschauung der Zeit— 
genossen schon früh in Ströme menschlichen Blutes. 
Aus kleinen Verhältnissen heraus entwickelten sich die ersten 
aufständischen Bewegungen im südlichsten Schwarzwald, vor 
allem in der den Grafen von Lupfen gehörigen Landgrafschaft 
1S. oben S. 114. 
Zimmermann S. 131. 
3 Friedrich, Astrologie und Reformation S. 14. 
Zamprecht, Deutsche Geschichte V. 
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