Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

Weiterbildung der religiösen Ideen, soziale Revolution. 339 
und des Neuen Testaments berühren und beweisen möge, öffnen 
und frei verkünden solle? Die Bauern bejahten die religiöse 
Frage mit einem sozialen Aufruhr: die Herrschaft solle nichts 
mehr empfangen, wofür sie keine Briefe und Kundschaft habe. 
Und bald darauf ließ sich Thomas Münzer, aus Thüringen 
kommend, mitten im Gau nieder und „däpperte“ viel von 
der Erlösung Israels. 
Kein Zweifel, im Klettgau trat das religiöse Element, 
zunächst von schweizerischer und schwärmerischer Seite, in die 
bisher rein wirtschaftliche und soziale Bewegung ein. Und 
schon erscholl jetzt auch im Schwarzwald und auf der schwä— 
bischen Alb das alte Wort von der „göttlichen Gerechtigkeit“, 
die man zu fordern habe; bis in die Abhänge des Breisgaus 
und bis Rottweil am Neckar griff die Empörung aus. Den 
rechten Zusammenhang aber fanden die wirtschaftlichen, sozialen 
und religiösen Momente erst in Oberschwaben, zwischen Donau, 
Lech, Alpen und Bodensee. 
Und hier war es weniger die lutherische oder die zwinglische 
Form der Reformation, vielmehr die Anschauung der oberdeutschen 
Schwärmer, die geistig zu herrschen begann: ihr asketischer 
Zug, ihre demokratische Lehre von der Erleuchtung namentlich 
der Niedrigen und geistig Armen, ihre Behauptung von der 
Willensfreiheit, die kommunistische Richtung endlich, die, wenn 
nicht ausgesprochen, so doch verborgen ihrem Dasein zu Grunde 
lag: Das alles mußte den bäuerlichen Revolutionären be— 
sonders leicht nahe treten, zumal wenn es ihnen von ihres— 
gleichen, den Bauernpredigern verkündet ward, deren Verständ— 
nis der Offenbarung nicht über einen absoluten und wörtlichen, 
somit schwärmerischen Biblizismus hinausging. 
Drei besondere Haufen aufrührerischer Bauern thaten sich 
in Oberschwaben auf, die Bodenseer, die dreinfahrendsten und 
tapfersten aller, mit im wesentlichen noch rein sozialen Zielen, 
die Bauern des Donaurieds, die unter dem Hufschmied Ulrich 
von Sulmentingen den Landfrieden Christi aufrichten wollten 
zu brüderlicher Liebe, wie ihn der Herr in den Abschiedsworten 
der Abendmahlsscene nach dem Johannesevangelium befohlen 
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