338 Fünfzehntes Buch. Zweites Kapitel.
Stühlingen; veranlaßt wurden sie hier angeblich durch den
Befehl der Gräfin an die Unterthanen, Schneckenhäuschen zu
sammeln, daß sie Garn darauf winden möge. Diese Bewegungen
waren an sich ziemlich harmloser Art; man verweigerte dem
Herrn die Dienste und Zinse, er beweise denn sein Recht
dazu; man forderte freie Jagd, Vogel- und Fischfang in den
Bannwäldern und gebannten Fischwässern, man protestierte
gegen die Verhaftung der zu Strafen Verurteilten. Aber in—
dem die Bauern ihre Beschwerden vor die Schutzmacht der
Landgrafschaft, das Haus sterreich, brachten, und dieses, von
äußeren Kriegen und inneren Schwierigkeiten bedrängt, zudem
aller Geldmittel entblößt, die bäuerlichen Anliegen sei es mit
Recht oder mit Gewalt zu erledigen zögerte, gewann die Flamme
des Aufruhrs an Kraft und verbreitete sich weiter. Die Stüh—
linger nahmen Fühlung mit der dem neuen Glauben ergebenen
und darum gegen sterreich aufrührerischen Stadt Waldshut,
die ihrerseits bald von Zürich her unterstützt ward; sie sahen,
wie in ihrer Nähe der Habsburg feindliche Herzog Ulrich von
Württemberg vom Hohentwiel aus Anstalten traf, mit Hilfe
der bäuerlichen Bewegung sein Land zurückzuerobern; sie er—
lebten, daß in der That die Hegauer um den Hohentwiel auf—
standen und schworen, „gut Schweizer zu sein, voneinander nit
zu weichen, und einen Zug zu thun, wohin sie Gott belangte“;
sie brachen schließlich selbst in die Baar los und wiegelten
weite Teile der Landschaft auf. Und dem allen stand das
Haus sterreich nahezu rat- und thatlos gegenüber; noch nach
vier bis fünf Monaten war kein Heer aufgestellt; schon verließ
sich Erzherzog Ferdinand auf die allenfalls eintretende Hilfe
des schwäbischen Bundes.
Aber der Aufstand war bereits weiter gedrungen und hatte
begonnen, eine andere Färbung anzunehmen. Im Klettgau,
wo man mit der wirtschaftlichen Lage an sich zufrieden war,
hatte die Stadt Zürich als Schutzherrin des Gaues am
11. Oktober 1524 angefragt, ob die Bauern dem anhangen
wollten, daß man das Gotteswort und Evangelien heiter
predigen, und, was man mit der göttlichen Geschrift der Bibel