Wirtschaftliche und soziale Wandlungen vom 14. zum 16. Jahrh. 51
Aber bald erkannte man auch außerhalb Italiens die
materielle Grundlage der italienischen Größe, und so versuchte
man dem Lande den Vorrang in den orientalischen Beziehungen
abzulaufen; das Problem einer näheren Verbindung mit Indiens
fabelberühmten Schätzen außerhalb des Mittelmeers tauchte auf;
schon lange vor Kolumbus erhitzte es die Köpfe kaufmännischer
Reisender und geographischer Gelehrter. Keine Nation aber
wandte sich diesen Plänen mehr zu, als die portugiesische.
Hier lag der Gedanke einer Umschiffung Afrikas zur Gewinnung
des Seewegs nach Ostindien in der Luft: schon im Jahre 1460
starb Prinz Heinrich der Schiffer, jener kühne Held, dessen
Zeiten die Entdeckung der Azoren sahen, und 1484 entdeckte
die Expedition des Diego Cani unter der geographischen Leitung
des deutschen Reisenden Behaim die Küste am Kongo. Aber
erst am 20. Mai 1498 erreichte Vasco de Gama nach den
Anstrengungen und Mühen vieler Jahrzehnte Kalikut an der
Küste Malabar. Wie aber wußten nun die Portugiesen das
kühne Wagen ihrer Seehelden kaufmännisch zu befruchten!
Völlig klar über die nächstliegenden Aufgaben nannte sich
König Emanuel schon im Jahre 1499 Herr der Schiffahrt, der
Eroberungen und des Handels von Afrika, Arabien, Persien
und Indien, und er wie seine Nachfolger setzten alles daran,
dem Pomp dieses Titels die Bedeutung eines Ausdruckes that—
sächlicher Verhältnisse zu geben. In ruhmreichen Kriegen zer⸗
störten sie die Handelsstraßen, die von Indien über Arabien nach
Italien führten, und monopolisierten die Schiffahrt nach der
neuen Welt des Reichtums in ihren Händen. So ward, wäh—
rend Italien zurückging, Lissabon schon um etwa 1510 zum
Brennpunkt des indischen Handels. In Indien aber blieben
die Portugiesen auf länger noch als eine Generation Herren
der Lage; hier, unter tropischem Himmel, schuf ihr größter
Dichter seine unsterblichen Luisiaden, und erst der politische
Verfall der Heimat in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts
—ä
portugiesischen Handels.