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Vierzehntes Buch. Zweites Kapitel.
wohner als verarmt, in Augsburg zählte man 1520 3000
Nichtshäbige, etwa 12—5150/0 der Bevölkerung. Nun geschah
allerdings viel zur Beseitigung der Not dieser Unglücklichen;
abgesehen von der reichen kirchlichen Hülfe verfügten die Städte
des 15. Jahrhunderts schon über eine rationelle Teuerungs—
politik, und in einer Stadt wie Nürnberg gab es zahlreiche
soziale Anstalten zur Hebung der untersten Klassen.
Gleichwohl konnte die im Flusse befindliche Entwicklung
nicht gestaut werden; das Proletariat im eigentlichsten Sinne
nahm immer mehr zu, und die Forderungen der städtischen
Gemeinden erhielt einen immer dringlicher betonten sozialistischen
Charakter. Hatte Peter Suchenwirt um 1390 gemeint:
Den reichen sind die chasten vol
den armen sind si laere:
dem povel wirt der magen hol,
das ist ein grozzew swaere,
so zogen die in Betracht kommenden Kreise schon früh daraus
die entsprechende praktische Lehre; in Würzburg hieß es:
Der pfaffen unde juden guͤt,
das wmacht uns all ein frien müt.
Völlig ausgesprochen war diese Stimmung dann gegen—
über den Reichen überhaupt seit der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts. Mochten die vornehmen Geschlechter der
Stadt einer immer ausgesprocheneren Verschwendungssucht ver⸗
fallen, mochten sie sich des Tages mehrmals umkleiden, mochten
sie dem fürstlichen Lurus des Bauens huldigen, mochten sie
bisher ungekannte Bäöder und Sommerfrischen besuchen: die
große Masse der städtischen Bevölkerung glaubte zu wissen,
was sie von ihnen zu halten habe. Das gegenseitige Ver—
hältnis war aufs äußerste gespannt: ein Ruck noch, und der
Bogen mußte brechen.
Nicht minder aber, ja fast noch mehr trieb das platte
Land einer sozialen Revolution entgegen.