Full text: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 1)

192 Vierzehntes Buch. Viertes Kapitel. 
wie als Staatsmann seiner Vaterstadt, Freund Dürers und 
aller Kunst, selbst Geschichtsschreiber und Dichter, ein ver— 
bindlicher Weltweiser, ein behaglicher Plauderer im Brief, ein 
scharfer Gegner im Streite. 
Indes über den behaglichen Betrieb der humanistischen 
Studien, wie er im freien Bürgerhaus, und die bloße Weiter—⸗ 
verbreitung klassischer Kenntnisse, wie sie zumeist unter den 
fahrenden Humanisten herrschte, erhob sich jetzt schon eine 
strengere Wissenschaft, und bereits zählte sie ihre Fürsten, vor 
allem Reuchlin und Erasmus. 
Desiderius Erasmus ist im Jahre 1466 zu Rotterdam ge— 
boren und im Jahre 1536 zu Basel gestorben. In Deventer 
erzogen, eine Zeitlang Mönch, dann in freier Stellung und 
vorübergehendem Aufenthalt zu Cambray, Köln, Paris, London 
und Orford war er schon 1506, als er nach Italien ging, ein 
bekannter Mann. Als einer der berühmtesten Gelehrten aber 
konnte er gelten, als er sich nach nochmals wiederholtem eng— 
lischem Aufenthalt im Jahre 1614 dauernd in Basel nieder— 
ließ. Seine Vergangenheit mit den vielfach angeknüpften 
persönlichen Beziehungen wie seine geistreich-satirische Art sich 
zu äußern boten ihm von dieser Zeit ab Mittel, um sich zum 
wissenschaftlichen und litterarischen Orakel Europas zu machen. 
Je mehr ihn sein schwacher Körper an eine peinlich regelmäßige 
Lebensführung und an einen dauernden Aufenthalt in Basel 
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Jahre unterlag, um so mehr ward er gleichsam zum bloßen 
Intellekt, um so mehr wuchs seine geistige Kühle und seine Ab— 
neigung gegen die Bethätigung des Willens. Immermehr 
zurückgezogen, wenn auch noch von nah und fern gefeiert, ist 
er schließlich wie ein Abstraktum aus dieser Welt geschieden. 
Erasmus war nicht eigentlich ein Gelehrter der groben 
Thatsachen. Er hat sich niemals für eine lebende Sprache 
interessiert. Er hat sich nicht gebeugt vor der Macht der Über— 
lieferung. Eine souveräne Natur, suchte er sie vielmehr geistig 
zu beherrschen. Das wies ihn ohne weiteres auf litterarische 
Wege; in der That hat er die Zeitgenossen vor allem als
	        
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