Full text: Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

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gewinn für breite Massen nicht unmittelbar genug zutage trat. Am offen 
barsten war meist nur, daß die Lieferanten von Kanonen 
und anderem Kriegsmaterial riesige Gewinne einstreichen 
konnten. Wenn man wieder, wie ehedem, Bauernhufen an die Sieger 
verteilt, wird der Einzelne, ähnlich wie in alten Zeiten, aus patriotischen und 
egoistischen Gründen in den Kampf ziehen. Manche österreichische 
und ungarische Politiker weisen darauf hin, wie wichtig 
für Österreich-Ungarn die Lösung der Agrarfrage sei, in 
Bosnien vor allem jene der Kmetenfrage, damit nicht eines 
Tages die Russen und Serben als Befreier der armen agra 
rischen Bevölkerung sich einen Anhang im eigenen Lande 
zu verschaffen wüßten. 
Nur nebenbei möchte ich die Zerstörungen erwähnen, welche der Krieg zur 
Folge haben kann. Sie dürften sich auf einen verhältnismäßig engen Bereich 
beschränken. Zerstörte Häuser und Fabriken pflegen bald wieder neu zu er 
stehen. Nur wenn ein Land bereits im Niedergang begriffen ist, können solche 
Zerstörungen dauernde Lähmungen im Gefolge haben. 
3. Einfluß auf den Warenabsatz. 
Durch Kriegserfolge oder entsprechende militärische Pressionen kann man 
aber auch den Warenabsatz fördern. Ein überaus krasses Beispiel ist der 
im XIX. Jahrhundert geführte Opiumkrieg. Einer der chinesischen Kaiser sah 
ein, daß sein Volk unter dem Opiumgenuß zugrunde gehe. Opium wirkt 
bekanntlich unvergleichlich zerstörender als Alkohol. Er verbot also den Opium 
import. Dadurch wurden vor allem englische Kaufleute betroffen, die das 
Opium aus Indien importierten. Es wurde nun das Gesetz umgangen hnd 
Opium eingeschmuggelt. Dies veranlaßte die chinesische Regierung zu einem 
energischen Schritt. Es wurde gegen die Schmuggler eingeschritten und eine 
größere Quantität Opium ins Meer geworfen. Die Engländer intervenierten 
zugunsten der Schmuggler. Es kam zu einem Notenwechsel. Das Ergebnis war 
ein Krieg, in welchem die Engländer nicht nur Schadenersatz für die Schmuggler 
erlangten, sondern auch die Opiumeinfuhr durchsetzten. Es gab damals zahl 
reiche englische Politiker, welche in diesem Kriegserfolg eine unerhörte Ver 
letzung jeglicher Moral erblickten, wurde doch eine um das Wohl des Volkes 
besorgte Regierung gezwungen, die Verseuchung desselben durch ein gefähr 
liches Gift zuzugestehen. 
Aber ein Staat kann seine Macht noch weiter ausnützen, indem er von 
einem anderen Staate z. B. geradezu verlangt, daß er bestimmte Waren von 
seinen Bürgern kaufe. Eine derartige diplomatische Aktion hat Österreich- 
Ungarn den Serben gegenüber unternommen. In den Forderungen, welche 
Österreich-Ungarn am 5. April 1906 gegenüber Serbien geltend machte, heißt 
es: „Um zu einem billigen Ausgleich zu gelangen, stellt daher die österreichisch 
ungarische Delegation folgende Forderungen fest: 
1. tunlichste Vereinfachung der Tarifsystematik ; 
2. sorgfältige Revision des Tariftextes; 
3. Vereinbarung der künftigen Zollquote; 
4. Sicherstellung des Prinzips, daß bei staatlichen Lieferungen die öster 
reichischen und ungarischen Erzeugnisse bei Parität von Preis und (Qualität nicht 
ausgeschaltet werden. Letzteres hätte namentlich zu gelten bezüglich der 
eben im Zuge befindlichen Frage der Lieferung von Geschützen, sowie bezüglich 
der Zuwendung der Salzlieferungen, in welch beiden Fragen weder Preis noch 
auch Qualität zu ungunsten der Erzeugnisse Österreich-Ungarns berufen werden 
können.“ Wir sehen, wie die ersten Forderungen sich auf Punkte beziehen, welche 
in Verträgen seit jeher geregelt werden, Punkt 4 dagegen stellt eine weit 
gehende Einschränkung der freien Entschließung dar. In der ersten Hälfte handelt 
es sich noch um Feststellung eines Lieferungsgrundsatzes, im zweiten dagegen 
um Einführung eines Kaufzwanges. 
Die Serben waren bereit, in allen Punkten zuzustimmen, nur bezüglich der 
Anschaffung der Artillerie und des Artillieriematerials weigerten sie sich und 
erklärten, „durch das fachmännische Gutachten der Artilleriekommission gebunden
	        
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