Full text: Neuere Zeit (Abt. 2)

232 Swanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
geworden als der Text. Nun griff aber in den Melodien seit 
der Mitte und namentlich seit dem letzten Viertel des 16. Jahr⸗ 
hunderts der Geschmack an französischen und bald auch ilalie— 
nischen Kompositionen immer mehr um sich!. Die Texte hatten 
damit den Kompositionen zu folgen; und das Volkslied älterer 
Form wich halbfremden Canzonetten, Madrigalen, Ritornellen, 
Galliarden, Akrostichen und Echos, mit deren Eindringen zu—⸗ 
gleich die romanische Metrik zu siegen drohte. 
Worin bestand nun aber auf dem am ehesten greifbaren 
und zugleich wichtigsten Gebiete, dem der Rhythmik, der Verfall 
der alten Form? 
Der deutsche Vers zerfällt in Takte, die sich an die Takte 
der natürlichen Rede, die Sprechtakte anschließen: eine Anzahl 
von solchen Takten, stärker und geringer betonten, wie sie der 
Hauptsache nach auf den Wurzelsilben der Wörter ruhen, macht 
den Vers aus. Die zwischen den Takten stehenden Bestand— 
teile des Verses können dabei ein— oder zweisilbig sein, sie 
können auch fehlen. Der auf diese Weise zustande kommende 
Rhythmus war aber in der Höhezeit der mittelalterlichen Dich⸗ 
tung, zum Teil unter dem Einflusse der lateinischen Kirchen⸗ 
poesie und der Metrik der romanischen Literaturen, schon dahin 
geregelt worden, daß die zwischen den Takten GHebungen) 
tehenden gesenkten Silben ihrer Zahl nach fest bestimmt wurden: 
wodurch — gehen wir zur Vereinfachung der Terminologie 
statt von dem deutschen Takt— vielmehr vom antiken Quantitäts— 
begriffe aus — ein jambischer, trochäischer, anapästischer, dakty— 
lischer Rhythmus erreicht ward. Aber in der Volkspoesie hatte 
iich neben dieser Regelung der Kunstdichtung die alte deutsche 
Weise forterhalten: hier blieb also die Zahl der Hebungen 
allein maßgebend, während die Silbenzahl der Senkungen einer 
festen Regelung nicht unterworfen wurde. Es war die rhyth— 
mische Grundlage auch des Kirchenliedes des 16. Jahrhunderts 
wie noch heute vieler unserer Volkslieder, vor allem des Kinder⸗ 
liedes. 
S. Bd. VI, S. 215.
	        
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