4. Kap. Bevölkerung und Wirtschaft, vornehmlich in der deutschen Geschichte 1] 45
zeichnen *). Gewiß kennt auch er Grenzen des Volkswachstums.
Wir lesen bei ihm: „Diese Volksmenge hat indessen ebenfalls ihre
Grenzen, oder ein sogenanntes Maximum: und diese Grenzen sind
von der Natur der Staaten, von der politischen und physikalischen
Lage und den Umständen vorgezeichnet“ 2).
Allerdings nimmt Sonnenfels in seinen späteren Darlegungen
auf diese Erkenntnis keine Rücksicht mehr. Spitzer®) hat mit Recht
hervorgehoben, daß sein der Handlungswissenschaft entnommener
Satz, „die Bedürfnisse des einen geben dem anderen Beschäftigung“,
einen logischen Fehler enthalte, daß über dem Gedanken, daß sich
die Menschen selbst Unterhalt geben, die sachliche Grundlage alles
Wirtschaftens, die Verfügung über Nahrungsmittel und Rohstoffe,
ganz in den Hintergrund träte. Wohl kann auf diese Weise, wenn
neue Menschen kaufkräftig hinzukommen, die Frage des Absatzes
auf dem inneren Markt befriedigend gelöst werden. Ob aber die
immer neu hinzukommenden Menschen auch eine kaufkräftige Nach-
frage entwickeln ‚können, hängt keineswegs allein von ihren Bedürf-
nissen, auch nicht von ihrer Arbeitskraft ab, sondern davon, ob in
dem betreffenden Lande auch die sachlichen Voraussetzungen vor-
handen sind, auf Grund deren sich die neuhinzukommende Arbeits-
kraft mit Erfolg betätigen kann. Arbeitsgelegenheit entsteht nicht
allein durch das Hinzutreten neuer Menschen und neuer Bedürfnisse,
Sonnenfels hat auch Gedanken ausgebaut, die bereits bei älteren
Schriftstellern, vor allem bei englischen, angedeutet sind; er hat
auch die Handelsbilanz unter populationistischen Gesichtspunkten
betrachtet. Es kommt ihm nicht mehr auf die Ausgleichung der
Werte bei der Ein- und Ausfuhr an, sondern der Vorteil für ein
Land hängt davon ab, „auf welcher Seite eine größere Menge von
Menschen beschäftigt werden können“. So wird aus der Handels-
bilanz bei ihm eine Beschäftigungsbilanz.
Man gewinnt den Eindruck, daß sich Sonnenfels bei dieser
populationistischen Einstellung auch von deistischen Ideen leiten
‘jeß, die später bei den Vertretern des ökonomischen Liberalismus
ine noch stärkere Rolle spielten. Verbinden ihn doch mit diesen
mancherlei Fäden; denn gegen den Schluß seiner 40 Sätze über die
Bevölkerung meint er von denjenigen, welche in Pest, Kriegen und
Hungersnöten ein Mittel sehen, um ein Übermaß von Bevölkerung
1) Vgl. dazu Sommer, a. a, O., 5, 344 u, F. Spitzer, J. v. Sonnenfels,
Diss., Bern 1906.
% Sonnenfels, a. a. O., S. 29.
3) Spitzer, a. a, O., 5, 20.
Diehl-Mombert, Grundrisse. Bd, ı5.